Von der Verteilungsfrage zum Standortfaktor
Die Diskussion um Medikementenpreise wurde in der Vergangenheit hauptsächlich als binnenwirtschaftliches Verteilungsproblem verstanden: Wie viel verdienen die Hersteller, wie stark werden die privaten Haushalte über die Krankenkassenprämien belastet und wie stark die öffentliche Hand (direkt über die kantonale Mitfinanzierung stationärer Behandlungen und indirekt über die Prämienverbilligung).
Mit der Einführung Most-Favored-Nation-Mechanismus bei der Preissetzung in den USA kommt eine zusätzliche, aussenwirtschaftliche Dimension hinzu: Weil die Schweiz in den zentralen US-Referenzpreismodellen als Vergleichsland vorgesehen ist, wird der hiesige Netto-Fabrikabgabepreis zu einer Grösse, die weit über die Finanzierung des Schweizer Gesundheitswesens hinauswirkt: Sie beeinflusst, zu welchen Preisen Schweizer Pharmaunternehmen auf dem grössten und profitabelsten Markt der Welt verkaufen können. Medikamentenpreise sind damit nicht mehr nur eine Frage der Verteilung im Inland, sondern ein Standortfaktor für die wichtigste Exportbranche der Schweiz.
Die MFN-Metrik: Referenzkorb und GDP-Adjuster
Die USA zahlen für patentgeschützte Medikamente im OECD-Vergleich im Schnitt zwei- bis dreimal mehr als andere Industrieländer. Das MFN-Prinzip, wonach amerikanische Zahler künftig nicht mehr bezahlen sollen als das günstigste Vergleichsland, bildet den Kern der aktuellen Reformbestrebungen der Trump-Administration. Ende 2025 haben die Centers for Medicare and Medicaid Services drei komplementäre Modelle vorgelegt – GENEROUS, GLOBE und GUARD –, die zusammen auf über 40 Prozent der US-Arzneimittelausgaben abzielen. Die Schweiz ist in allen drei Programmen als Referenzland vorgesehen.
Der Referenzrahmen umfasst OECD-Länder mit einem Pro-Kopf-BIP von mindestens 60 Prozent des amerikanischen Niveaus, in der Praxis ein Korb von rund 15 bis 20 Ländern. Entscheidend ist ein technisches Detail: Die in US-Dollar umgerechneten Referenzpreise werden mit einem sogenannten GDP-Adjuster gewichtet, der das relative Wohlstandsniveau des Vergleichslandes gegenüber den USA abbildet. Für Länder, die wohlhabender sind als die USA – wie Irland, Norwegen oder die Schweiz –, wird dieser Adjuster in den Modellen GLOBE und GUARD auf 1 gedeckelt (ansonsten läge er unter 1).
Das Beispiel Schweiz-Deutschland
Für Deutschland liegt der Adjuster gemäss IMF-Daten 2025 und MFN-Metrik bei 1.22, für die Schweiz bei 1.0. Bei identischen Netto-Fabrikabgabepreisen gehen deutsche Preise also mit einem 22 Prozent höheren Wert in den US-Vergleich ein als Schweizer Preise. Ob die Schweiz durch diese Metrik entscheidend ist für den US-Preis (günstiger Preis aller Länder im Referenzkorb), hängt neben dem GDP-Adjuster von der originären Preisdifferenz ab. Die GDP-Adjuster von 1.22 und 1.0 bedeuten: Gegenüber Deutschland wäre die Schweiz selbst dann noch gleich günstig, selbst wenn die mit dem Wechselkurs umgerechneten Schweizer Netto-Fabrikabgabepreise 22 Prozent höher lägen als in Deutschland.
Wie stark sich das auswirkt, zeigt der bilaterale Vergleich der 100 umsatzstärksten patentgeschützten Medikamente der Schweiz mit Deutschland, der im Rahmen einer BAK-Studie durchgeführt wurde. Umgerechnet mit nominalen Wechselkursen liegen die Preis ein Deutschland im umsatzgewicheten Mittel um 4.1 Prozent höher als in der Schweiz. Hierbei haben wir bei unseren Berechnungen im Falle vertraulicher Preismodelle in der Schweiz sehr konservative Annahmen bzgl. der Rabattgestaltung getroffen. Wir müssen also davon ausgehen, dass die Differenz in Wahrheit noch höher ausfällt, also die Schweizer Preise noch deutlicher unter den deutschen liegen.
Wendet man die von der US-Administration vorgesehene MFN-Metrik mit gedeckeltem GDP-Adjuster auf den Datensatz an, ergibt sich eine gewichtete Differenz von 26.5 Prozent zugunsten tieferer Schweizer Netto-Preise. Das Ergebnis ist statistisch hochsignifikant (p = 0.00). Selbst wenn man unterstellt, dass die Hersteller in der Schweiz keinerlei Rabatte gewährten, bliebe der Befund mit 96 Prozent Vertrauenswahrscheinlichkeit bestehen: Die deutschen Preise sind im MFN-System höher als die in der Schweiz. Ohne den Deckel beim GDP-Adjuster, wie im Modell GENEROUS vorgesehen, läge die Differenz sogar bei 38 Prozent.
Preise aus Verbrauchersicht
Aus Verbrauchersicht sind nicht die Netto-Fabrikabgabepreise relevant, sondern die sogenannten Publikumspreise. Diese enthalten nicht nur die Preise der Hersteller, sondern zusätzlich die Bruttomarge des Handels und die MWST. Auch hier haben wir die 100 Medikamente auswertet und auch hier bestätigt sich das häufig postulierte Bild nicht, dass die Schweiz ein Hochpreisland ist. Nominal, also zum Devisenkurs umgerechnet, ist das tatsächlich verkaufte Medikamentenportfolio in deutschen Apotheken im Schnitt 4.4 Prozent teurer als in Schweizer Apotheken. Der Unterschied hält allerdings einem Mittelwert-Test nicht stand. Statistisch gesehen gibt es auf Ebene Publikumspreis für die 100 analysierten Medikamente keinen signifikanten Unterschied zwischen der Schweiz und Deutschland.
Bekanntlich sind Kosten und Preise in der Schweiz allgemein höher: das Vergleichsniveau der Preise für den gesamten privaten Konsum liegt in Deutschland bei nur rund 63 Prozent des Schweizer Niveaus. Das bedeutet: Gemessen an dem, was sich Konsumentinnen und Konsumenten in ihrem jeweiligen Land effektiv leisten können, sind die betrachteten Medikamente für deutsche Patientinnen und Patienten also (relativ gesehen) spürbar teurer als für Schweizer.

Politische Schlussfolgerungen
Die Befunde verändern die Ausgangslage für die Schweizer Preispolitik: Einsparungen beim Schweizer Netto-Fabrikabgabepreis erhöhen das Risiko, dass der Preis auch im US-Markt sinkt, der ein Merhfaches der Schweizer Grösse hat. Der ökonomische Schaden für die Schweizer Hersteller entsteht unmittelbar und muss mit Margeneinbussen bezahlt werden. Darüber hinaus entzieht ein sinkender Medikamentenpreis über Rückkopplungsmechanismen – tiefere Erträge bedeuten tiefere Steuereinnahmen – auch dem Staat entgehen wichtige Mittel zur Finanzierung des Gesundheitswesens.
Wenn ein Standort ungünstige Rahmenbedingungen aufweist, wird er tendenziell gemieden. Was bedeutet das in Bezug auf die Medikamentenpreise? Ein restriktives Schweizer Preisregime, das Hersteller zu tiefen Netto-FAP zwingt, macht die Schweiz nicht nur als Absatzmarkt weniger attraktiv, sondern als Referenzland aktiv unerwünscht. Die geschilderte Ausgangslage dieser Konstellation verändert die strategischen Anreize der Hersteller fundamental. Weil ein früher Schweizer Launch mit moderatem Netto-FAP Druck auf den weitaus grösseren US-Markt auslöst, entsteht ein ökonomischer Anreiz, innovative Medikamente in der Schweiz gar nicht erst einzuführen.
Was aus rein innenpolitischer Perspektive als Kostendämpfungsmassnahme erscheint, droht im internationalen Regulierungsgefüge einen Rückzug der Hersteller aus dem Schweizer Markt zu begünstigen und damit den Zielkonflikt im Gesundheitssystem zu verschärfen. Sinkende Steuererträge nivellieren die Einsparungen bei den Medikamentenkosten, der Zugang für Patientinnen und Patienten verschlechtert sich und die wichtigste Exportbranche des Landes wird geschwächt.
Eine faktenbasierte Preispolitik muss diese Zusammenhänge mitdenken, wenn sie nicht am Ende auf allen drei Ebenen verlieren will.
Die vollständige Studie sowie ein Q&A-Dokument mit methodischen Vertiefungen sind hier abrufbar:
⬇️Studie: https://www.bak-economics.com/studien-analysen/detail/internationaler-vergleich-der-preise-fuer-innovative-medikamente-chde#
⬇️Q&A : https://www.bak-economics.com/studien-analysen/detail/internationaler-vergleich-der-preise-fuer-innovative-medikamente-chde#
