Aber vielleicht ist das die falsche Variable. Denn eine der bekanntesten Langzeitstudien zu Arbeit und Gesundheit legt nahe, dass für Stress etwas anderes mindestens ebenso wichtig ist: wie viel Kontrolle wir darüber haben, was wir wann und wie tun.
Oder ökonomisch gesprochen: wie viele Freiheitsgrade wir haben.
Damit sind wir plötzlich doch ziemlich nahe an der Ökonomie – und sogar bei einem Begriff, den wir aus der Ökonometrie bestens kennen.
Und damit erklärt sich auch der Titel. «It’s the economy, stupid!» wurde als Abwandlung eines internen Leitsatzes aus Bill Clintons Präsidentschaftswahlkampf 1992 berühmt. Beim Stress könnte die entsprechende Erinnerung lauten:
It’s the Freiheitsgrade, stupid!
Was dahintersteckt, zeigen ausgerechnet britische Staatsangestellte.
Was uns britische Beamte über Stress lehren
1967 starteten britische Forscher die erste sogenannte Whitehall-Studie. Untersucht wurden über 17’000 männliche Staatsangestellte in London. Eine aus Sicht der Forschung ziemlich interessante Gruppe: gleicher Arbeitgeber, ein vergleichsweise homogenes institutionelles Umfeld und Zugang zum gleichen Gesundheitssystem.
Das Resultat war erstaunlich.
Je tiefer jemand in der beruflichen Hierarchie stand, desto höher war sein Sterberisiko. Besonders ausgeprägt war der Unterschied bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Und es gab nicht einfach einen Gegensatz zwischen ganz oben und ganz unten. Das Risiko nahm Stufe für Stufe mit sinkendem beruflichem Status zu.
In den 1980er-Jahren folgte Whitehall II mit über 10’000 Frauen und Männern. Wieder zeigte sich dieser soziale Gradient.
Natürlich lässt sich ein Teil davon mit klassischen Risikofaktoren erklären: Rauchen, Bewegung, Ernährung oder Übergewicht. Aber eben nur ein Teil.
Damit wird die Sache für den Ökonomen interessant.
Es geht um Freiheitsgrade
Ein wichtiger Erklärungsansatz der Whitehall-Forschung war die Kontrolle über die eigene Arbeit.
Wer weiter oben in einer Organisation steht, hat nicht unbedingt weniger Arbeit. Im Gegenteil. Die Verantwortung ist grösser, die Entscheidungen sind schwieriger und der Arbeitstag möglicherweise länger.
Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Man kann stärker beeinflussen, was man tut, wann man es tut und wie man es tut.
Oder in einer Sprache, die Ökonomen vertraut ist: Man hat mehr Freiheitsgrade.
Je mehr Freiheitsgrade wir haben, desto mehr Möglichkeiten bleiben uns, auf Anforderungen zu reagieren. Je stärker andere bestimmen, was wir wann und wie tun müssen, desto kleiner wird dieser Spielraum.
Die etwas kontraintuitive Erkenntnis lautet deshalb:
Nicht jede hohe Arbeitsbelastung erzeugt gleich viel schädlichen Stress. Entscheidend ist auch, wie viele Freiheitsgrade wir im Umgang damit haben.
Autonomie ist auch ein ökonomischer Faktor
In der Ökonomie denken wir ständig über Anreize nach. Über Löhne, Boni, Steuern oder Regulierung.
Autonomie ist ebenfalls ein Anreiz – nur einer, der sich schlechter in Franken messen lässt.
Wer entscheiden kann, wie ein Ziel erreicht wird, besitzt Handlungsspielraum. Wer dagegen lediglich Vorgaben abarbeitet, verliert diesen Spielraum. Das beeinflusst Motivation und Produktivität. Die Whitehall-Forschung legt nahe, dass es sogar gesundheitliche Konsequenzen haben kann.
Das ist auch für Unternehmen relevant.
Organisationen versuchen verständlicherweise, Unsicherheit zu reduzieren. Sie schaffen Prozesse, Reporting, Kennzahlen, Freigaben und Kontrollen. Jede einzelne Regel kann sinnvoll sein.
In der Summe können sie aber etwas produzieren, das niemand beabsichtigt hat: Sie reduzieren die Freiheitsgrade derjenigen, welche die eigentliche Arbeit erledigen.
Das ist ein ziemlich klassisches ökonomisches Problem: Individuell rationale Regeln können in ihrer Summe ein schlechtes Ergebnis erzeugen.
Und dann kam die KI
Damit bekommt die alte Whitehall-Forschung plötzlich eine erstaunliche Aktualität.
KI kann unsere Freiheitsgrade erhöhen. Routinearbeiten verschwinden, Informationen werden schneller verfügbar, Analysen können selbständig erstellt werden. Menschen können sich stärker auf jene Aufgaben konzentrieren, bei denen ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihr Urteil entscheidend sind.
KI kann aber genauso in die andere Richtung wirken.
Wenn Algorithmen immer genauer vorgeben, was als Nächstes zu tun ist, wenn jede Aktivität gemessen und jeder Prozess optimiert wird, kann aus technologischer Unterstützung eine neue Form des Micromanagements werden.
Die entscheidende Frage für die Arbeitswelt der Zukunft lautet deshalb vielleicht nicht nur:
Wie viel Arbeit nimmt uns KI ab?
Sondern auch:
Gibt uns KI mehr Freiheitsgrade – oder nimmt sie uns welche weg?
Bei mir überwiegt derzeit ganz klar Ersteres. KI nimmt mir Routine ab, gibt mir schneller Zugang zu Informationen und schafft damit mehr Raum für jene Dinge, bei denen ich selbst entscheiden, analysieren und gestalten kann. Zudem macht mir die Zusammenarbeit mit KI durchaus Spass, weckt sie doch meinen Spieltrieb.
Und vielleicht passt das auch zum Ferienende. Nicht möglichst wenig Arbeit ist zwingend das Ziel. Entscheidend ist, wie viele Freiheitsgrade wir dabei haben.
Oder eben:
IT’S THE FREIHEITSGRADE, STUPID!
