Eine Offenlegung vorweg: Der PMI (Erklärung im Kasten unten) begleitet mich mein ganzes Berufsleben. Jahrelang durfte ich ihn bei der Credit Suisse zusammen mit procure.ch erstellen. Heute trage ich als Ausfüllender selbst zur Umfrage bei. Und als Konjunkturprognostiker war und bin ich vor allem eines: ein grosser Nutzer. Danke an UBS, dass sie ihn weiterhin gemeinsam mit procure.ch erstellt.
Gerade weil ich ihn kenne und schätze, lese ich ihn besonders kritisch. Denn Demut ist nicht nur eine Tugend guter Prognostiker, sondern auch guter Indikatoren.
Der PMI hat zwei Eigenschaften, die in der aktuell emotional aufgeladenen Lage Gold wert sind. Erstens beruht er mehrheitlich auf Daten – sprich Fakten, auf dem, was die Einkäufer in ihren Büchern tatsächlich sehen, nicht auf Meinungen über die Stimmung. Zweitens ist er zeitnah verfügbar, lange bevor die harten Konjunkturzahlen eintreffen.
In einer Zeit, in der der Krieg im Iran (sowie andere Kapriolen von US-Präsident Trump) die Schlagzeilen bestimmt, ist ein nüchterner, faktenbasierter und schneller Indikator genau das, was man braucht. Und ein Indikator, dem man vertraut, verdient es, richtig gelesen zu werden.
Ein guter Frühindikator misst die Temperatur der Wirtschaft. Manchmal misst er aber auch das Fieber – und verbucht beides als Gesundheit.
Genau das passiert derzeit beim PMI. Der procure.ch-Industrie-PMI ist im Mai um 2.8 auf 57.3 Punkte geklettert. Das ist der dritte Monat in Folge über der Wachstumsschwelle von 50 Punkten und der höchste Wert seit über drei Jahren. Die Schlagzeile schreibt sich von selbst: Die Schweizer Industrie ist zurück.
Stimmt. Teilweise.
Eine Komponente, die steigt, wenn es schlechter läuft
Der PMI ist kein Messwert, sondern ein gewichteter Durchschnitt aus fünf Komponenten: Auftragsbestand (30 %), Produktion (25 %), Beschäftigung (20 %), Lieferfristen (15 %) und Einkaufslager (10 %). Vier davon verhalten sich, wie man es erwartet: Steigen sie, läuft es besser.
Die fünfte ist die Ausnahme. Die Lieferfristen werden invertiert in den Index gerechnet – je länger die Lieferzeiten, desto höher der Beitrag zum PMI. Die Logik dahinter ist in normalen Zeiten plausibel: Wenn Lieferanten nicht nachkommen, ist die Nachfrage stark. Stau als Stärkesignal.
Im Mai notierte diese Komponente bei rund 65 Punkten. Bei einem Gewicht von 15 % hebt das den Index um gut 2.25 Punkte über die neutrale 50er-Marke – allein durch diese eine Komponente. Das ist nicht der Haupttreiber, aber genug, um eine Schlagzeile freundlicher aussehen zu lassen, als die Lage es verdient.
Der Krieg sitzt in den Lieferketten
Denn der Stau kommt dieses Mal nicht aus vollen Auftragsbüchern. Er kommt vom Iran-Krieg.
Seit Ende Februar ist die Strasse von Hormus mehr oder weniger blockiert, was die globalen Lieferketten aus dem Takt bringt. Die befragten Industrieunternehmen melden genau das: längere Wartezeiten, knappere Vormaterialien – besonders bei Kunststoffen, Elektronikkomponenten und Industriemetallen.
Mit anderen Worten: Ein Teil dessen, was der Index als Stärke verbucht, ist in Wahrheit eine geopolitische Störung. Die Lieferfristen sind nicht lang, weil die Schweiz so viel bestellt. Sie sind lang, weil Öl teurer geworden ist und Vorprodukte Umwege nehmen müssen.
Stau als Krisensignal. Derselbe Pfeil nach oben, ein anderer Grund.
Die Marge ist der blinde Fleck des Index
Dieselbe Knappheit, die die Lieferfristen-Komponente nach oben treibt, treibt auch die Einkaufspreise. Die entsprechende Komponente liegt bei rund 83 Punkten. Die Firmen kaufen also teurer ein und warten länger – können diese Mehrkosten aber selten eins zu eins weitergeben. Was zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis verloren geht, ist die Marge.
Der PMI misst Richtung und Tempo der Veränderung. Er misst nicht, ob diese Veränderung profitabel ist. Eine Industrie, die mehr produziert, teurer einkauft und dünnere Margen einfährt, sieht im Index gut aus. In der Erfolgsrechnung nicht unbedingt.
Die gute Nachricht steht im Kleingedruckten
Und doch wäre es falsch, die 57.3 kleinzureden. Die eigentliche Dynamik kam im Mai von der richtigen Seite: Die Produktion legte um 5 Punkte zu, der Auftragsbestand um 3.3 auf 59.4. Das ist echte Nachfrage, kein Buchhaltungseffekt der Methodik. Die Substanz stimmt.
Aber die Differenz zwischen «Die Substanz stimmt» und «Die Industrie boomt» ist genau jener Teil, den ein einzelner Indexwert verschluckt.
Fazit
Ein Frühindikator ist eine Zusammenfassung. Und jede Zusammenfassung lässt etwas weg. Nutzen Sie den Frühindikator also – aber lesen Sie auch die Packungsbeilage. Die Nebenwirkungen des Iran-Kriegs treffen leider auch die Schweizer Wirtschaft.
Was misst der PMI eigentlich?
Der Einkaufsmanagerindex (PMI) ist das wirtschaftliche Pendant zum Fieberthermometer. Monat für Monat werden Einkaufsverantwortliche gefragt, ob sich Aufträge, Produktion, Beschäftigung, Lagerbestände und Lieferzeiten gegenüber dem Vormonat verbessert oder verschlechtert haben.
Ein Wert über 50 Punkten bedeutet, dass mehr Unternehmen eine Verbesserung als eine Verschlechterung melden. Ein Wert unter 50 signalisiert das Gegenteil.
Wichtig: Der PMI misst nicht, wie gut die Wirtschaft läuft, sondern ob es besser oder schlechter läuft als im Vormonat. Gerade weil er sehr früh verfügbar ist und auf den Beobachtungen der Unternehmen selbst beruht, gehört er zu den wichtigsten Frühindikatoren für die Konjunktur.
Der Schweizer PMI wird seit 1995 von procure.ch erhoben. Lange wurde er gemeinsam von procure.ch und der Credit Suisse publiziert, heute von procure.ch und UBS
