NEIN

Die Schweiz sagt Nein zur Zehn-Millionen-Schweiz-Initiative. Damit bleibt vorerst der Status quo bestehen. Was hätte ein Ja wirtschaftlich bedeutet? Die Antwort mag überraschen: Kurzfristig wohl weniger, als viele Befürworter und Gegner erwarten. Nicht weil nichts auf dem Spiel stünde, sondern weil politische Unsicherheit ihre Wirkung oft erst mit Verzögerung entfaltet. Eine Szenarioanalyse mit den Werkzeugen der Ökonomie zeigt, weshalb sich die grössten Risiken zunächst kaum in den Konjunkturdaten niedergeschlagen hätten – und warum das trotzdem kein Grund zur Entwarnung gewesen wäre.

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Sicher ist, dass bei einem Ja die Unsicherheit gestiegen wäre. Und Unsicherheit ist Gift für Investitionen. Wer nicht weiss, ob der Marktzugang in fünf Jahren noch derselbe ist, baut die Fabrik lieber später – oder gleich anderswo. Investitionen sind Wetten auf eine Zukunft, die man halbwegs zu kennen glaubt. Nimmt man den Akteuren diese Gewissheit, verschiebt sich die Wette. Und in einer Welt, in der Zölle, Kriege und Lieferketten ohnehin täglich neu verhandelt werden, ist die Frage nach dem künftigen Verhältnis zur EU eine zusätzliche Dosis von genau diesem Gift.

So weit, so eindeutig. Trotzdem gehe ich nicht davon aus, dass bei einem Ja in den nächsten Quartalen messbare Spuren in den Konjunkturdaten sichtbar geworden wären. Das klingt nach einem Widerspruch, ist aber keiner. Es ist schlicht die Art, wie Unternehmen auf politische Unsicherheit reagieren – und die lässt sich mit ein paar ökonomischen Werkzeugen recht gut beschreiben. Ich nehme sie hier der Reihe nach in die Hand.

Das Werkzeug der Empirie: Unternehmen warten auf das Dauerhafte

Die empirische Faustregel ist unspektakulär, aber robust: Unternehmen handeln in der Regel erst dann, wenn sich die Sachlage nachhaltig verändert hat – nicht, wenn sie sich nachhaltig verändern könnte. Eine Ankündigung ist noch keine Tatsache. Solange unklar ist, ob und was sich am Ende tatsächlich ändert, hat das Warten einen Wert für sich. In der Theorie nennt man das den Optionswert des Wartens: Wer die Investition zurückstellt, behält die Möglichkeit, später mit besseren Informationen zu entscheiden – und zahlt dafür nur den Preis der entgangenen Zeit.

Und hier ist die Information eben tatsächlich offen. Es ist keineswegs ausgemacht, dass die Bilateralen am Ende wirklich wegfallen würden. Genau deshalb bleibt die kurzfristige Reaktion verhalten. Das Gift ist im Raum, aber noch ist nicht klar, ob überhaupt jemand davon trinken muss. Das Zögern der Unternehmen hat allerdings noch tiefere Gründe als blosse Vorsicht. Drei davon sind ökonomisch interessant.

Das Werkzeug der Zeit: Die Weichen liegen weit voraus

Erstens ist da die Frage des Zeithorizonts. Die entscheidenden politischen Wegmarken liegen weit in der Zukunft. Bis überhaupt eine kritische Situation eintreten könnte, vergehen mehrere Jahre. Und was weit weg ist, wird ökonomisch stark abdiskontiert – nicht nur in den Bewertungsmodellen, sondern auch im Kopf der Entscheiderin.

Dazu kommt ein zweiter, subtilerer Punkt: Ein heutiger Volksentscheid bindet kein künftiges Parlament an eine bestimmte Umsetzung. Was heute beschlossen wird, kann morgen anders ausgelegt werden. Diese zeitliche Inkonsistenz zwischen Entscheid und Vollzug ist kein Makel des Systems – sie ist eingebaut. Für das investierende Unternehmen heisst das: Selbst ein klares Abstimmungsresultat ist noch kein Fahrplan. Es lohnt sich, abzuwarten, wie der Fahrplan überhaupt aussieht.

Das Werkzeug des Rückblicks: Wie Volksentscheide tatsächlich umgesetzt werden

Womit wir beim dritten Grund sind – und beim aufschlussreichsten. Denn wie eine allfällige Initiative am Ende umgesetzt würde, ist heute schlicht offen.

Die Schweiz kennt kein Verfassungsgericht, das den Gesetzgeber zu einer bestimmten Umsetzung zwingen würde. Das Parlament verfügt über erheblichen Spielraum. Man erinnere sich an die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative: Das Ergebnis fiel deutlich anders aus, als viele es nach dem Abstimmungssonntag erwartet hatten. Der Weg von der Urne zum Gesetz ist in der Schweiz selten eine Gerade.

Und es kommt noch etwas hinzu, das man als Ökonom mit einer gewissen Freude an der Paradoxie betrachtet: Selbst der vielbeschworene «Volkswille» ist keineswegs immer eindeutig. Der Marquis de Condorcet hat dies bereits vor über zweihundert Jahren formal gezeigt. Sein Paradoxon ist ein wahltheoretisches Dilemma: Sobald über mehr als zwei Alternativen abgestimmt wird, können kollektive Entscheidungen in zyklische Widersprüche geraten – wie bei Stein, Schere, Papier, wo keine Option die anderen eindeutig schlägt –, und zwar obwohl jede einzelne Wählerin logisch und konsistent abstimmt. Eine eindeutige «Präferenz des Volkes» existiert in solchen Konstellationen schlicht nicht.

Die europapolitische Abstimmungsgeschichte der Schweiz ist dafür ein schönes Anschauungsmaterial. Rund ein Dutzend Mal wurde über zentrale Fragen des Verhältnisses zur EU befunden. Das Muster ist bemerkenswert: Einen EU-Beitritt haben die Stimmberechtigten stets abgelehnt, die bilateralen Abkommen aber – mit Ausnahme der Masseneinwanderungsinitiative – ebenso konsequent angenommen. Und die spätere Kündigung der Personenfreizügigkeit wurde deutlich verworfen. Je nach Blickwinkel lässt sich daraus eine Skepsis gegenüber stärkerer politischer Integration ablesen – oder eine solide Unterstützung des bilateralen Wegs. Beides ist im selben Datensatz enthalten. Wer also heute mit Sicherheit weiss, wie das Volk 2028 entscheidet und wie das Parlament diesen Entscheid anschliessend umsetzt, weiss mehr als die Geschichte hergibt.

Das Werkzeug der Umfrage: Jeder hält sich für den Gewinner

Bleibt ein vierter Grund – und er ist betriebswirtschaftlich wohl der handfesteste. Fragt man Unternehmen und Branchen, ob sie künftig die benötigten Arbeitskräfte finden werden, lautet die Antwort fast durchgehend: ja. Im Verteilungskampf um die Fachkräfte sieht sich heute praktisch jeder als Gewinner.

Nur kann das nicht stimmen. Es ist ein klassischer Trugschluss der Verallgemeinerung: Was für ein einzelnes Unternehmen plausibel ist – «wir finden unsere Leute schon» –, kann für alle gleichzeitig nicht aufgehen. Der Pool an verfügbaren Fachkräften wird durch optimistische Erwartungen nicht grösser. Wenn die Zuwanderung sinkt, gewinnen nicht alle den Verteilungskampf; einige verlieren ihn zwangsläufig. Dass heute kaum jemand glaubt, zu den Verlierern zu gehören, ist menschlich – aber es ist genau der Grund, warum die aggregierten Effekte erst spät sichtbar werden. Solange jeder für sich plant, plant niemand mit dem Engpass.

Was wir stattdessen tun: in Szenarien denken

Vier Werkzeuge, ein Befund: Die kurzfristige Reaktion bleibt verhalten, weil der Auslöser fern, die Umsetzung offen und die Erwartung optimistisch ist. Wer daraus schliesst, es passiere nichts und es stehe nichts auf dem Spiel, verwechselt allerdings die Abwesenheit kurzfristiger Daten mit der Abwesenheit von Risiko. Das ist der teure Trugschluss.

Genau deshalb denken wir bei BAK nicht in Punktprognosen, sondern in Szenarien. Eine seriöse Aussage darüber, ob die Bilateralen tatsächlich wegfallen werden, gibt es nicht. Wir modellieren nicht, was geschehen wird, sondern was geschehen würde. Was wir liefern können, ist der «Value at Risk»: nicht die wahrscheinlichste Zukunft, sondern das, was bei einem Wegfall der Bilateralen auf dem Spiel stünde.

Und dieser Betrag ist erheblich. Unsere Berechnungen zeigen: Bei einem Wegfall der Bilateralen läge das Schweizer BIP im Jahr 2045 um 7.1 Prozent tiefer als im Szenario mit Fortbestand der Verträge. Kumuliert ab 2028 entspricht das einer nicht erwirtschafteten Wertschöpfung von rund 685 Milliarden Franken. Auf die Bevölkerung heruntergebrochen heisst das: Das reale BIP pro Kopf fiele bis 2045 um rund 4.7 Prozent oder etwa 5’200 Franken pro Jahr tiefer aus – und über den ganzen Zeitraum summiert sich der Wohlstandsverlust auf knapp 45’700 Franken pro Kopf. Den grössten ökonomischen Preis verursacht dabei das Ende der Personenfreizügigkeit; der Rest verteilt sich auf weniger Marktintegration, schwächere Forschungsanbindung und teurere Handelshemmnisse.

Das ist kein Schadensbescheid, den man heute schon ausstellen könnte. Es ist eine Risikomessung – dieselbe Logik, mit der eine Bank ihr Verlustpotenzial beziffert, ohne damit zu behaupten, der Verlust trete tatsächlich ein.

Mein Fazit

Unsicherheit ist Gift für Investitionen – dieser Satz bleibt richtig. Aber das Gift wirkt hier nicht als plötzlicher Schock, sondern als langsame Erosion. Es entfaltet seine Wirkung nicht in den Quartalszahlen der nächsten Monate, weil die entscheidende Weiche Jahre entfernt liegt, ihre Umsetzung offen ist und jedes Unternehmen sich vorerst auf der Gewinnerseite wähnt. Wer also kurzfristig keine messbaren Effekte sieht, hat nicht etwa bewiesen, dass keine bestehen. Er hat nur bewiesen, dass das Gift langsam wirkt.

Die ökonomisch interessante Aufgabe besteht deshalb nicht darin, auf das erste sichtbare Zucken in den Daten zu warten. Sie besteht darin, das Risiko zu beziffern, bevor es sich materialisiert – und es dann politisch ernst zu nehmen. Das ist der Wert der Szenariorechnung: Sie macht sichtbar, was sonst erst sichtbar würde, wenn es zu spät ist, etwas daran zu ändern.

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