In der Zahl 73 – bzw. der Tatsache, dass häufig diese Zahl als Antwort kommt – steckt viel darüber, wie künstliche Intelligenz funktioniert. Vor allem aber steckt darin erstaunlich viel darüber, wie wir Menschen funktionieren.
Die meisten Menschen stellen sich Künstliche Intelligenz (KI) falsch vor. Viele glauben, irgendwo im Computer sitze eine Art digitales Gehirn, das Dinge versteht, analysiert und dann bewusst Entscheidungen trifft. Tatsächlich funktioniert KI viel weniger mystisch und viel statistischer. Vereinfacht gesagt analysiert sie gigantische Mengen menschlicher Sprache und berechnet daraus, welche Antwort in einer bestimmten Situation am wahrscheinlichsten passt.
Die KI «weiss» also nicht, was Zufall ist. Die KI hat bloss mit viel Fleiss gelernt, welche Zahlen Menschen typischerweise nennen, wenn sie nach einer Zufallszahl gefragt werden.
Und offenbar ist das die Zahl 73. Denn Menschen sind ebenfalls miserabel darin, Zufall zu erzeugen. Wenn man jemanden spontan bittet, eine Zahl zwischen 1 und 100 zu nennen, entsteht fast nie echter Zufall. Die meisten vermeiden sehr kleine Zahlen, weil diese «zu offensichtlich» wirken. Sehr hohe Zahlen ebenfalls. Runde Zahlen wie 10, 20 oder 50 wirken vielen «zu wenig kreativ». Gleichzeitig sollen die Zahlen aber auch nicht völlig absurd wirken. Also landen viele irgendwo in einem mittleren Bereich mit leicht schrägen Zahlen wie 73.
Die Zahl wirkt zufällig. Genau deshalb wird sie überdurchschnittlich oft genannt.
Das Faszinierende daran ist: Die KI entdeckt dieses Muster nicht, weil sie Mathematik verstanden hätte. Sie entdeckt bloss statistisch, wie Menschen sich verhalten. Und wenn Millionen Menschen glauben, individuell und originell zu handeln, dabei aber immer wieder ähnliche Muster produzieren, dann wird genau dieses Muster für die KI zur wahrscheinlichsten Antwort.
Die Maschine lernt also weniger Wahrheit als menschliche Gewohnheiten.
Das klingt zunächst harmlos. Ist es aber nicht unbedingt.
Denn plötzlich merkt man: Viele Dinge, die wir als individuelle Entscheidungen wahrnehmen, sind in Wirklichkeit kollektive Verhaltensmuster. Das gilt nicht nur für Zufallszahlen. Es gilt auch für Börsen, Immobilienpreise, Modetrends, politische Meinungen oder Konsumverhalten.
Menschen beobachten andere Menschen und orientieren sich daran. Algorithmen beobachten wiederum Menschen und lernen daraus. Danach beginnen Menschen wiederum, sich an den Algorithmen zu orientieren.
Ein gigantischer Feedbackloop.
Wenn heute Millionen Menschen lesen, dass ChatGPT oft 73 sagt, dann werden künftig noch mehr Menschen 73 nennen. Dadurch taucht die Zahl noch häufiger in Daten auf. Die nächste KI lernt also noch stärker, dass Menschen offenbar gerne 73 wählen. Die KI verstärkt damit Muster, die sie ursprünglich bloss beobachtet hat.
Ökonomen kennen solche Prozesse seit Jahrzehnten.
An Finanzmärkten sieht man das permanent. Wenn genügend Investoren glauben, dass Aktien weiter steigen werden, kaufen sie Aktien. Dadurch steigen die Kurse tatsächlich. Der ursprüngliche Glaube scheint bestätigt zu werden. Und genau dadurch verstärkt sich das Verhalten weiter. Bis irgendwann alle gleichzeitig merken, dass sie weniger fundamentale Daten analysiert haben, als vielmehr gegenseitig ihre Erwartungen beobachtet.
George Soros nannte das Reflexivität. Andere sprechen von Erwartungsbildung. Social Media nennt es vermutlich einfach Algorithmus.
Und genau deshalb ist diese kleine Geschichte über die Zahl 73 viel interessanter, als sie auf den ersten Blick aussieht. Sie zeigt nämlich etwas Grundsätzliches über KI: Künstliche Intelligenz ist oft weniger künstliche Intelligenz als vielmehr ein gigantischer statistischer Spiegel menschlichen Verhaltens.
Der Mensch versucht verzweifelt, zufällig zu wirken – und produziert Muster. Die KI lernt diese Muster – und verstärkt sie.
Wo das wohl bei wichtigeren Dingen als Zufallszahlen hinführt?
PS: Die KI von Anthropic, Claude, sagt übrigens 42. Deren Trainingsdaten sind wohl verzerrt durch die vielen Fans des Films «The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy».
