KI, KEYNES, BADI

Künstliche Intelligenz soll die Produktivität massiv steigern. Die spannendere Frage lautet aber nicht, ob das gelingt. Sondern: Wohin verschwindet dieser Gewinn? In höhere Löhne? Mehr Freizeit? Mehr Ferien? Oder merken wir ihn am Ende kaum? Genau dieselbe Frage stellte sich bereits John Maynard Keynes vor fast hundert Jahren.

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1930 schrieb Keynes den Essay Economic Possibilities for our Grandchildren. Seine Prognose für das Jahr 2030: Der Lebensstandard in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften werde vier- bis achtmal höher sein als 1930 – und die Menschen würden nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten. Drei-Stunden-Schichten, mehr brauche es nicht, um den «alten Adam» in uns zufriedenzustellen.

Mit dem ersten Teil lag Keynes erstaunlich richtig. Mit dem zweiten daneben. Auch heute arbeiten wir keine 15, sondern eher 40 Stunden pro Woche.

Meine Arbeitshypothese war zunächst einfach: Vielleicht ist der Produktivitätsgewinn gar nicht in die Wochenarbeitszeit geflossen, sondern in eine kürzere Lebensarbeitszeit.

Was die Forschung zu Keynes‘ Irrtum sagt

Neuere Arbeiten zeichnen ein differenzierteres Bild. Keynes lag mit dem Wohlstand erstaunlich richtig. Bei der Arbeitszeit dagegen deutlich weniger. Betrachtet man jedoch nicht nur die Wochenarbeitszeit, sondern das gesamte Erwerbsleben, wird sein Irrtum kleiner.

Genau dieser Gedanke brachte mich auf die Lebensarbeitszeit als möglicherweise bessere Messgrösse.

Wohin fliesst Produktivität überhaupt?

Ökonomisch ist die Frage gut bekannt. Produktivitätsgewinne können grundsätzlich in vier Richtungen fliessen: in höhere Löhne, tiefere Preise, höhere Gewinne oder mehr Freizeit. Die spannende Frage lautet deshalb nicht, ob Produktivität steigt, sondern wie ihre Erträge verteilt werden.

Die Schweizer Antwort

Genau diese Frage untersuchte eine Studie von BSS, KOF ETH Zürich und Universität St. Gallen im Auftrag des SECO.

Das zentrale Ergebnis: Das Wachstum der Arbeitsproduktivität zwischen 1950 und 2022 floss in der Schweiz vor allem in zwei Kanäle – höhere Löhne und weniger Arbeitszeit. Der Produktivitätsgewinn wurde also tatsächlich geteilt.

Das stützt meine Hypothese teilweise. Nur zeigt sich der Effekt nicht dort, wo Keynes ihn erwartet hatte.

Die Arbeitszeit

Die Daten zeigen ein klares Bild. Seit 1950 sank die durchschnittliche Jahresarbeitszeit pro erwerbstätige Person in der Schweiz um rund ein Drittel. Gleichzeitig stiegen Ferienansprüche und Reallöhne deutlich.

Auch international bestätigt sich dieses Muster. Seit dem späten 19. Jahrhundert ist die Arbeitszeit massiv gefallen – allerdings vor allem bis in die 1970er-Jahre. Seither steigt die Produktivität weiter, die Arbeitszeit sinkt jedoch nur noch langsam.

Die Lebensarbeitszeit – und hier wird es interessant

Hier begann meine Hypothese zu wackeln.

Die Eurostat-Daten zeigen nämlich genau das Gegenteil dessen, was ich erwartet hatte: Seit 2000 ist die erwartete Lebensarbeitszeit nicht gesunken, sondern sogar leicht gestiegen.

Auf den ersten Blick scheint das meiner Vermutung zu widersprechen.

Die Erklärung liefert wiederum die SECO-Studie. Obwohl die Lebensarbeitszeit in Jahren leicht zunimmt, wächst die gesamte Lebensdauer noch stärker. Ausbildungszeit und Ruhestand werden länger. Das Erwerbsleben beansprucht deshalb relativ gesehen einen kleineren Teil unseres Lebens als früher.

Meine ursprüngliche Vermutung war also zu einfach. Nicht die absolute Zahl der Erwerbsjahre sinkt, sondern ihr Anteil am gesamten Leben.

Warum Männer und Frauen zwei verschiedene Geschichten erzählen

Genau hier löst sich das scheinbare Paradox auf.

Aggregierte Daten erzählen zwei unterschiedliche Geschichten gleichzeitig.

Bei den Männern passt die Entwicklung erstaunlich gut zu Keynes‘ Vorstellung. Die Erwerbsquote ist gesunken, Teilzeitarbeit hat deutlich zugenommen, und die Lebensarbeitszeit wächst nur noch wenig.

Bei den Frauen zeigt sich dagegen das Gegenteil. Der massive Eintritt in den Arbeitsmarkt überlagert diesen Effekt vollständig. Diese Entwicklung hat jedoch wenig mit Produktivität zu tun. Sie ist vor allem Ausdruck gesellschaftlichen Wandels: höherer Bildung, veränderter Familienmodelle, besserer Kinderbetreuung und der zunehmenden wirtschaftlichen Eigenständigkeit von Frauen.

Deshalb verschwindet das Signal in der Gesamtstatistik. Nicht weil es nicht existiert, sondern weil zwei gegenläufige Entwicklungen gleichzeitig stattfinden.

Fazit

Die Hypothese hält teilweise – aber deutlich weniger einfach, als ich ursprünglich gedacht hatte.

Der Produktivitätsgewinn ist nicht in die 15-Stunden-Woche geflossen, die Keynes erwartete. Er floss in höhere Löhne, kürzere Jahresarbeitszeiten und längere Ausbildungs- und Ruhestandsphasen. Die absolute Zahl der Lebensarbeitsjahre ist zuletzt sogar leicht gestiegen. Ihr Anteil am gesamten Leben hingegen ist kleiner geworden.

Keynes hatte recht mit der Grössenordnung des Wohlstands. Er hat lediglich die Form der Auszahlung falsch vorhergesagt.

Was bedeutet das für die KI-Debatte?

Falls sich die Geschichte wiederholt, wird der Produktivitätsgewinn durch KI kaum als zusätzlicher freier Nachmittag in der Badi sichtbar werden. Wahrscheinlicher ist eine langsame Verschiebung über Jahrzehnte: etwas mehr Wohlstand, etwas kürzere Erwerbsbiografien, etwas mehr Freizeit an den Rändern des Lebens. Und vermutlich wird auch diesmal nicht jede Bevölkerungsgruppe gleich davon profitieren.

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