KI-Modelle – insbesondere grosse Sprachmodelle (Large Language Models, LLM) wie ChatGPT, Claude Fable, Claude Mythos und Gemeni – werden immer leistungsfähiger und haben bereits heute die Arbeitsweise in vielen Bereichen verändert, auch in meinem eigenen Feld, und das in einem Tempo, das vor 3,5 Jahren, als die Firma OpenAI ChatGPT vorstellte, kaum jemand erwartet hätte. Es ist schwer vorstellbar, dass KI wieder verschwindet. Offen bleibt vor allem die Frage, wer die wirtschaftlichen Gewinne daraus abschöpft: die Mitarbeitenden, durch ihre höhere Produktivität; die Unternehmen, weil sie mit weniger Personal das Gleiche leisten können; die Gesellschaft, über eine moderne Form der «Robotersteuer»; die Konsumentinnen und Konsumenten, über sinkende Preise dank tieferer Produktionskosten; oder die KI-Unternehmen selbst, die diese Modelle entwickeln, trainieren und betreiben.
Der Börsengang von SpaceX hat eine erste, teilweise Antwort gegeben. Die Idee, KI mit dem Weg zum Mars zu verbinden, ergab den grössten Börsengang der Geschichte und schuf den ersten Billionär der Welt. Nach klassischer Bewertungslogik ist die Preisgestaltung extrem ambitioniert – selbst für das Silicon Valley. Für mich ergibt sie nur dann Sinn, wenn man sowohl für die Technologie als auch für die künftige Marktposition des Unternehmens vom Best-Case-Szenario ausgeht – und beides ist alles andere als sicher. Trotzdem stieg der Aktienkurs an den ersten beiden Handelstagen um je fast 20 % – ein Zeichen dafür, wie weit verbreitet unter Anlegerinnen und Anlegern das Best-Case-Szenario ist, und wie sehr die Kapitalgeber via die Tech-Konzerne einen substanziellen Teil der wirtschaftlichen Gewinne aus der Künstlichen Intelligenz beanspruchen.
Auch andere grosse Tech-Unternehmen sichern sich ihren Anteil am wirtschaftlichen Wert der KI: Abonnements beinhalten zunehmend Token-Limits, und wer diese als intensive Nutzerin oder intensiver Nutzer überschreitet, wird nach der Kreditkarte gefragt. Anthropic und OpenAI planen beide noch dieses Jahr einen Börsengang, beide mit einer Bewertung von aktuell nahezu einer Billion US-Dollar.
Ebenfalls am Freitag – am frühen Abend, als viele bereits ins Wochenende gestartet waren – kündigte Anthropic an, das kürzlich veröffentlichte Modell Fable 5 sowie das noch nicht öffentlich verfügbare Mythos 5 zurückzuziehen. Grund war eine Anordnung der US-Regierung, den Zugang zu diesen Modellen auf US-Staatsangehörige zu beschränken – auch bei Anthropics eigenen Mitarbeitenden mit anderer Staatsangehörigkeit. Als Begründung wurde «nationale Sicherheit» genannt, ohne weitere Erläuterung. Der Zugang zu modernster KI wird zur Frage der Staatsangehörigkeit – und ist selbst mit ausreichend finanziellen Mitteln nicht mehr automatisch gegeben. Zudem zeigt sich: Auch bereits veröffentlichte Modelle können wieder zurückgezogen werden.
Das alles hat viel mit Infrastruktur zu tun – seit jeher ein Schlüsselfaktor für wirtschaftlichen Erfolg. Bei klassischer Infrastruktur – Strom, Wasser, Strassen, Schienen – steht die Schweiz hervorragend da. Bei moderner Infrastruktur – Rechenzentren, Datenspeicher und Rechenleistung für grosse Sprachmodelle – hinken wir jedoch hinterher. Und mit SpaceX, inklusive Starlink, entsteht eine weitere, zunehmend privat und ausländisch kontrollierte Schicht globaler Infrastruktur.
Am Sonntag hat die Schweizer Stimmbevölkerung entschieden, eine offene Gesellschaft und Wirtschaft zu bewahren, und eine Initiative zur Begrenzung der Bevölkerungszahl abgelehnt. Die Herausforderungen einer wachsenden Bevölkerung sind real und müssen angegangen werden – aber für eine innovative Volkswirtschaft mit einem der höchsten Lebensstandards der Welt ist dieses Abstimmungsresultat eine gute Nachricht. Die Schweiz, und Zürich im Besonderen, hat sich zu einem echten KI-Hotspot entwickelt: Alle grossen Tech-Namen sind mittlerweile substanziell vor Ort präsent, dazu kommen eine lebhafte Start-up-Szene und viele innovative kleine und mittlere Unternehmen. Die hohe Lebensqualität und die Möglichkeit, hochqualifizierte Fachkräfte zu finden bzw. in der Schweiz anzustellen sind wesentliche Faktoren für diesen Erfolg.
Trotzdem zeigt sich ein bekanntes Muster: Der wirtschaftliche Wert Schweizer Innovation wird zu oft anderswo abgeschöpft – sobald ein Start-up substanzielles Wachstumskapital benötigt, wandern Eigentum, Arbeitsplätze und Steuersubstrat oft mit ins Ausland, häufig in die USA.
Was lässt sich daraus ableiten?
- Erstens braucht es einen verantwortungsvollen Umgang mit der Entwicklung und Nutzung von KI – gestützt auf starke Forschung und eine insgesamt gut ausgebildete Bevölkerung, damit die Gesellschaft diese Technologien aktiv mitgestalten kann, statt erst zu reagieren, wenn sie längst da sind.
- Zweitens müssen wir uns anpassen – und das rasch. Für eine kleine, offene, forschungsbasierte Volkswirtschaft bedeutet der Erhalt des heutigen Lebensstandards, diese Veränderungen aktiv anzunehmen, statt sich ihnen zu widersetzen – und gleichzeitig sicherzustellen, dass die daraus entstehenden Gewinne breit verteilt werden.
- Drittens müssen wir es einfacher machen, Unternehmen zu gründen und zu vergrössern, damit mehr des lokal geschaffenen Werts hierbleibt. Ein konkreter Hebel: Pensionskassen einen begrenzten Anteil ihres Vermögens in Start-ups investieren lassen – das gibt jungen Unternehmen Zugang zu grossen Summen von Schweizer Kapital und gibt ihnen einen Grund zu bleiben.
- Viertens brauchen wir mehr digitale Souveränität. Die Fable-5/Mythos-5-Episode zeigt einmal mehr, wie abhängig wir von fremd kontrollierter Hard- und Software-Infrastruktur sind. Entscheidend ist, wer diese Infrastruktur kontrolliert – nicht, wo die Server stehen.
