Das Problem ist nur: Ein Modell, das all das vollständig abbildet, wäre am Ende so komplex wie die Welt selbst.
Bereits Aristoteles hielt sinngemäss fest, dass man in einer Sache nie mehr Genauigkeit suchen sollte, als es ihrer Natur entspricht. Bei der Regulierungsmessung scheint mir das ein besonders guter Grundsatz zu sein.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wie man Regulierung möglichst umfassend und kompliziert misst. Sondern welche Vereinfachung für welche Fragestellung sinnvoll ist.
Manchmal braucht es einen breiten, einfachen und nachvollziehbaren Indikator. Manchmal muss man bei einer einzelnen Regulierung viel tiefer gehen und Kosten, Nutzen und gesamtwirtschaftliche Auswirkungen untersuchen. Beides hat seinen Wert – solange man weiss, was man misst und was man nicht misst.
Genau diese beiden Perspektiven verfolgen wir bei BAK Economics.
REGMONITOR: DIE BREITE IM BLICK
Mit dem RegMonitor, den BAK Economics für das SECO entwickelt hat, machen wir sichtbar, wie sich die regulatorische Belastung für Unternehmen über die Zeit entwickelt. Der Ansatz ist bewusst einfach: Mittels KI-basierter Regulierungstextanalyse untersuchen wir den tatsächlich bestehenden Rechtstext nach klaren und einheitlichen Kriterien. Im Zentrum steht eine sehr konkrete Frage: Wie viele regulatorische Pflichten müssen Unternehmen erfüllen – und werden es mehr oder weniger?
Der Vorteil liegt gerade in dieser Reduktion. Wir müssen keine Annahmen darüber treffen, wie lange die Erfüllung einer bestimmten Pflicht dauert oder wie hoch die daraus entstehenden Kosten sind. Ausgangspunkt ist das, was tatsächlich im Recht steht. Die Methode lässt sich breit und wiederholt anwenden, die Ergebnisse sind nachvollziehbar und über die Zeit vergleichbar.
Und das Resultat lässt sich einfach kommunizieren: Mehr Pflichten sind zunächst ein schlechtes, weniger Pflichten ein gutes Zeichen.
Natürlich ist das nicht die ganze Wahrheit. Eine Pflicht, die Tausende Unternehmen betrifft und hohe Investitionen auslöst, zählt zunächst genauso wie eine Pflicht mit geringem Aufwand für wenige Unternehmen. Der RegMonitor sagt also viel darüber aus, wie sich die regulatorische Dichte entwickelt, aber zunächst wenig darüber, wie schwer die einzelnen Pflichten wirtschaftlich wiegen.
Das ist keine Schwäche, die man verstecken muss, sondern eine Grenze, die man kennen sollte. Auf dieser einfachen Basis kann der RegMonitor zudem schrittweise erweitert werden – etwa um Informationen zur Betroffenheit oder zur wirtschaftlichen Relevanz.
RFA: WENN WIR ES GENAUER WISSEN WOLLEN
Bei einer konkreten Regulierung reicht der Blick auf die Zahl der Pflichten häufig nicht. Dann interessiert, was diese Pflichten tatsächlich bewirken.
Hier setzt die Regulierungsfolgenabschätzung (RFA) an. Sie untersucht eine konkrete Vorlage, bevor sie in Kraft tritt: Welches Problem soll gelöst werden? Welche Alternativen gibt es? Wer ist betroffen? Welche Kosten entstehen für Unternehmen und Staat? Welche Auswirkungen sind auf Preise, Wettbewerb und Gesamtwirtschaft zu erwarten? Und welcher Nutzen steht diesen Kosten gegenüber?
Die Stärke einer RFA liegt in der Tiefe. Dafür braucht es aber deutlich mehr Informationen – und zwangsläufig auch Annahmen. Regulierungskosten stehen in keiner Statistik. Sie müssen aus Gesprächen, Befragungen und Unternehmensdaten hergeleitet werden. Wirtschaftliche Folgewirkungen müssen modelliert werden. Und manche Nutzen lassen sich überhaupt nicht sinnvoll in Franken ausdrücken.
Eine RFA kann deshalb wesentlich mehr über eine einzelne Regulierung sagen als ein breit angelegter Indikator. Sie ist aber auch erheblich aufwendiger und kann nicht laufend für jede regulatorische Veränderung durchgeführt werden.
RegMonitor und RFA sind damit zwei Seiten derselben Aufgabe: Der eine Ansatz schafft Breite, Vergleichbarkeit und laufende Orientierung. Der andere ermöglicht Tiefe und eine wirtschaftliche Einordnung konkreter Vorhaben.
VOM PRINZIP ZUR PRAXIS: DIE BAUPRODUKTEGESETZGEBUNG
Wie weit man mit einer RFA in die Tiefe gehen kann – und wo trotzdem Grenzen bleiben –, zeigt unsere jüngste Untersuchung.
Gemeinsam mit Polynomics haben wir im Auftrag von SECO und BBL die vertiefte RFA zur Totalrevision der Bauproduktegesetzgebung erstellt. Anlass ist die neue Bauprodukteverordnung der EU. Mit ihr erodiert die bisherige Gleichwertigkeit des Schweizer und europäischen Rechts. Zur Diskussion steht deshalb nicht nur eine Anpassung des Schweizer Rechts, sondern auch die Aktualisierung des Abkommens über die gegenseitige Anerkennung, des sogenannten MRA.
Zunächst zu den direkten Kosten: Wir kommen für die Totalrevision über zehn Jahre auf Regulierungskosten von rund 270 Millionen Franken. Ein wesentlicher Teil davon entsteht durch den digitalen Produktpass.
Für die Schätzung haben wir bewusst zwei unabhängige Wege gewählt: bottom-up, Pflicht für Pflicht, gestützt unter anderem auf rund zwei Dutzend Expertengespräche, und über eine Befragung der betroffenen Akteure. Beide Kostenschätzungen wurden anschliessend in unser makroökonomisches Modell eingespeist.
Damit lässt sich die nächste Ebene abschätzen: Was passiert mit diesen Kosten in der Wirtschaft?
Ein Teil wird von den Unternehmen getragen, ein Teil über die Preise weitergegeben. Gemäss unseren Modellrechnungen liegen die Baupreise im ersten Jahr um rund 0.16 Prozent höher. Danach beträgt der Effekt noch rund 0.03 Prozent.
270 Millionen Franken Regulierungskosten und höhere Preise: Man könnte die Analyse hier beenden und zum Schluss kommen, dass die Revision wirtschaftlich belastet.
Doch damit würde gerade der entscheidende Teil einer RFA fehlen: der Vergleich mit der Alternative.
AUCH NICHTSTUN HAT KOSTEN
Ohne eine Aktualisierung des MRA wären Schweizer Bauprodukteexporte im Umfang von schätzungsweise 285 bis 760 Millionen Franken pro Jahr zusätzlichen Handelshemmnissen ausgesetzt.
Das ist keine Schadensschätzung. Es wäre falsch anzunehmen, dass Exporte in dieser Höhe einfach wegfallen würden. Unternehmen können zusätzliche Zertifizierungen vornehmen, ihre Prozesse anpassen oder andere Lösungen finden. Wie gross der daraus entstehende volkswirtschaftliche Schaden genau wäre, lässt sich nicht seriös auf einen Frankenbetrag verdichten.
Und genau hier wird es methodisch interessant: Wir können die zusätzlichen Regulierungskosten vergleichsweise detailliert berechnen. Den wahrscheinlich wichtigsten Nutzen – den möglichst ungehinderten Zugang zum EU-Markt – können wir dagegen nicht mit derselben Genauigkeit in Franken ausdrücken.
Unser Fazit: Die Totalrevision mit Aktualisierung des MRA weist unter den untersuchten Varianten die vorteilhafteste Kosten-Nutzen-Relation auf. Die zusätzlichen Regulierungskosten sind spürbar, liegen aber deutlich unter dem Marktvolumen, das ohne Abkommen zusätzlichen Handelshemmnissen ausgesetzt wäre.
Das ist zugleich ein gutes Beispiel dafür, warum man bei Regulierung wissen sollte, was man weiss – und was man nicht weiss.
Der RegMonitor reduziert bewusst und schafft damit Breite, Vergleichbarkeit und Transparenz. Eine RFA geht wesentlich tiefer, muss dafür aber mit Datenlücken, Annahmen und Bandbreiten umgehen. Und selbst die aufwendigere Analyse macht aus Unsicherheit nicht automatisch Gewissheit.
Damit wären wir wieder bei Aristoteles: Gute Regulierungsmessung zeichnet sich nicht dadurch aus, dass am Ende für alles eine möglichst genaue Zahl steht. Sondern dadurch, dass sie so genau ist, wie es die Sache zulässt – und transparent bleibt, wo diese Genauigkeit endet.
