NEBENWIRKUNGEN EINER MWST-ERHÖHUNG

Die Mehrwertsteuer hat eine interessante Eigenschaft: Man merkt sie im Alltag kaum. Ein paar Rappen beim Kaffee, etwas mehr beim Einkauf, ein kleiner Aufschlag auf die nächste Rechnung. Eine Erhöhung um einige Zehntel Prozentpunkte klingt entsprechend überschaubar. Allerdings hat die Sache – wie bei Medikamenten – Nebenwirkungen.

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Die MWST ist eine Steuer der kleinen Beträge auf einer sehr grossen Basis. Und sie wird nicht einmal, sondern immer wieder bezahlt. Was beim einzelnen Einkauf kaum auffällt, kann sich für einen Haushalt über die Jahre zu einem beträchtlichen Betrag summieren. Und was für einen einzelnen Haushalt gilt, gilt erst recht für die gesamte Volkswirtschaft. Gerade bei solchen Veränderungen, die wir im Alltag kaum wahrnehmen, ist es wichtig, die Folgen sichtbar zu machen. Genau das haben wir in unserer neuen Studie im Auftrag der FDP Schweiz gemacht.

DIE MWST KENNT LANGFRISTIG VOR ALLEM EINE RICHTUNG

Bei ihrer Einführung 1995 lag der MWST-Normalsatz bei 6,5 Prozent. Heute sind es 8,1 Prozent. Dazwischen gab es zwar auch einmal eine Senkung. Über die längere Frist ist die Richtung aber klar: nach oben. Wie hoch die MWST in Zukunft sein wird, wissen wir nicht.

Eine erste konkrete Antwort müssen die Schweizer Stimmberechtigten allerdings schon bald geben: Am 29. November stimmen sie über die Zusatzfinanzierung der 13. AHV-Rente ab. Bei einem Ja steigt der Normalsatz von 8,1 auf 8,5 Prozent.

Und auch darüber hinaus stehen Finanzierungsfragen für die AHV, den generellen Finanzbedarf des Bundes sowie für die Sicherheit im Raum, bei denen die MWST eine Rolle spielt.

Die relevante Frage lautet deshalb: Was bedeuten unterschiedliche weitere Erhöhungen für Haushalte und Volkswirtschaft?

WARUM DREI SZENARIEN?

Weil wir die künftige Entwicklung nicht kennen, arbeiten wir mit drei Szenarien.

  • Das erste ist konkret: 8,5 Prozent. Es entspricht der Erhöhung, über welche die Stimmberechtigten am 29. November entscheiden.
  • Das zweite Szenario setzt den Normalsatz bei 9,0 Prozent an. Es orientiert sich an der Grössenordnung eines weitergehenden Finanzierungsbedarfs der AHV.
  • Das dritte Szenario blickt weiter voraus. Der Normalsatz ist seit 1995 von 6,5 auf 8,1 Prozent gestiegen. Wird dieser Anstieg nochmals angesetzt, ergibt sich gerundet ein Normalsatz von 10 Prozent. Eine runde Zahl. Einfach, nachvollziehbar.
 

Die drei Szenarien sind keine Prognosen. Sie bilden unterschiedliche mögliche Grössenordnungen ab – und erlauben uns zu zeigen, wie sich die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen mit der Höhe der MWST verändern.

VOM TAG BIS ZU ZEHN JAHREN

Wie klein eine MWST-Erhöhung zunächst wirkt, zeigt sich am besten, wenn man beim einzelnen Tag beginnt.

Im ersten Szenario mit einem Normalsatz von 8,5 Prozent beträgt die zusätzliche Belastung eines durchschnittlichen Haushalts weniger als 30 Rappen pro Tag. Bei 9 Prozent sind es rund 70 Rappen, bei 10 Prozent rund 1.50 Franken.

Pro Tag also Beträge, die man kaum wahrnimmt.

Aber die MWST wird jeden Tag bezahlt.

Aus den 30 Rappen, 70 Rappen und 1.50 Franken werden pro Monat rund 9, 22 und 45 Franken.

Aus den monatlichen Beträgen werden über ein Jahr rund 100, 260 und 545 Franken.

Und dann kommt die Zeit ins Spiel. Bleibt die höhere MWST bestehen, summiert sich die zusätzliche Belastung über zehn Jahre auf rund 1’000, 2’600 beziehungsweise 5’450 Franken für einen durchschnittlichen Haushalt.

Genau darin liegt eine Besonderheit der Mehrwertsteuer: Die Belastung kommt nicht als grosse Rechnung. Sie verteilt sich auf sehr viele kleine Beträge.

Jeder einzelne davon fällt kaum auf. In der Summe sieht es anders aus.

96 RAPPEN SIND NICHT GLEICH 65 RAPPEN

Noch interessanter wird es bei der Frage, wer die zusätzliche Belastung trägt.

Auf den ersten Blick ist die Sache klar: Haushalte mit hohen Einkommen konsumieren mehr und bezahlen deshalb in Franken auch mehr MWST.

Im 10-Prozent-Szenario beträgt die zusätzliche jährliche Belastung bei Haushalten im tiefsten Einkommensdezil rund 205 Franken. Im höchsten Einkommensdezil sind es rund 1’070 Franken.

Absolut betrachtet tragen hohe Einkommen also deutlich mehr.

Relativ zum verfügbaren Einkommen dreht sich das Bild jedoch um.

Bei Haushalten mit tiefen Einkommen gehen im 10-Prozent-Szenario je 100 Franken verfügbarem Einkommen rund 96 Rappen zusätzlich für die höhere MWST weg. Bei Haushalten mit hohen Einkommen sind es rund 65 Rappen.

Der Befund, dass eine Konsumsteuer regressiv wirkt, ist ökonomisch nicht neu. Überrascht hat mich bei der Arbeit an der Studie deshalb etwas anderes: wie wenig dieser Aspekt in der öffentlichen Diskussion über die Mehrwertsteuer thematisiert wird.

Denn das häufig verwendete Prinzip, nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit zu besteuern, ist bei der MWST nur begrenzt gegeben. Haushalte mit hohen Einkommen bezahlen zwar in Franken mehr. Haushalte mit tiefen Einkommen geben aber einen grösseren Teil ihres verfügbaren Einkommens für Konsum aus – und werden deshalb relativ stärker belastet.

Der reduzierte MWST-Satz auf bestimmte Güter des täglichen Bedarfs dämpft diesen Effekt, beseitigt ihn aber nicht. 

DIE MWST LANDET NICHT EINFACH AUF DEM PREISSCHILD

Eine höhere Mehrwertsteuer wirkt aber nicht nur auf die Haushaltsbudgets. Sie löst auch gesamtwirtschaftliche Anpassungen aus.

Entscheidend ist zunächst, wie stark Unternehmen die höhere Steuer auf ihre Verkaufspreise überwälzen können. Unsere Modellierung geht davon aus, dass dies kurzfristig nur teilweise gelingt. Im ersten Jahr werden rund 65 Prozent der zusätzlichen MWST auf die Preise überwälzt. Mit der Zeit steigt dieser Anteil und erreicht langfristig rund 92 Prozent.

Damit wirken zunächst zwei Kanäle gleichzeitig.

Der überwälzte Teil führt zu höheren Konsumentenpreisen. Die reale Kaufkraft der Haushalte sinkt und der private Konsum wird gedämpft.

Der nicht überwälzte Teil belastet zunächst die Margen der Unternehmen. Das reduziert die intern verfügbaren Mittel und dämpft die Investitionen. Gleichzeitig wirkt die schwächere Konsumnachfrage zusätzlich auf die Investitionstätigkeit.

Die höhere MWST setzt damit eine Wirkungskette in Gang:

MWST steigt → Preise steigen und Margen sinken → Konsum und Investitionen werden gedämpft → Wirtschaftsaktivität nimmt ab.

Die Folgen zeigen sich entsprechend nicht nur beim BIP. Auch Beschäftigung und Löhne reagieren. Im höchsten Szenario liegt die Beschäftigung in der stärksten Phase um rund 8’900 Vollzeitäquivalente tiefer als in der Referenzentwicklung.

AUCH VOLKSWIRTSCHAFTLICH SUMMIERT ES SICH

Wie bei den Haushalten ist der Effekt in einem einzelnen Jahr vergleichsweise klein. Aber auch hier kommt die Zeit ins Spiel.

Über zehn Jahre summiert sich die geringere Wirtschaftsleistung gegenüber der Referenzentwicklung in unseren drei Szenarien auf rund 3,6 Milliarden, 7,8 Milliarden beziehungsweise 16,4 Milliarden Franken.

Zur Einordnung der Grössenordnung: Der Gotthard-Basistunnel kostete rund 12 Milliarden Franken.

Natürlich ist ein kumulierter BIP-Verlust nicht dasselbe wie die Kosten eines Infrastrukturprojekts. Der Vergleich macht aber sichtbar, welche Grössenordnung aus relativ kleinen jährlichen Effekten über einen längeren Zeitraum entstehen kann.

Damit zeigt sich auf gesamtwirtschaftlicher Ebene dasselbe Muster wie bei den Haushalten: Die unmittelbaren Effekte einer MWST-Erhöhung wirken zunächst überschaubar. Über die Zeit summieren sie sich.

NUR WER DIE FOLGEN KENNT, KANN INFORMIERT ENTSCHEIDEN

Am Ende geht es um Entscheidungen.

Schon bald können die Stimmberechtigten über eine konkrete MWST-Erhöhung entscheiden. Dass solche Erhöhungen in der Schweiz letztlich auch die Zustimmung von Volk und Ständen benötigen, wirkt dabei wohl als wichtiges Korrektiv. Trotz des langfristigen Anstiegs liegt der Schweizer Normalsatz mit 8,1 Prozent heute noch nicht einmal halb so hoch wie der OECD-Durchschnitt von 19,3 Prozent.

Wir bei BAK Economics verstehen unsere Rolle darin, die Informationsgrundlage für solche Entscheide zu schaffen.

Dafür verbinden wir Daten, Wissen und Technologie. Wir quantifizieren Wirkungsketten, zeigen Grössenordnungen und machen sichtbar, wie sich wirtschaftspolitische Entscheidungen auf Volkswirtschaft und Haushalte auswirken – und wie sich die Belastungen verteilen. Bei der MWST bezahlen die einkommensschwächeren Haushalte relativ zu ihren Einkommen den grösseren Teil. 

Link zur Studie «Nebenwirkungen einer MWST-Erhöhung»

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