Gemäss Daten zu den ausländischer Direktinvestitionen ist deren Kapitalbestand in der Schweiz in den vergangenen Jahren deutlich langsamer gewachsen als im globalen Durchschnitt. Wir wollten wissen, wie es in der Pharmabranche aussieht. Doch eine differenzierte, datengestützte Analyse der Investitionen wird dadurch erschwert, dass verfügbare vergleichende Statistiken zu den Direktinvestitionen nur eingeschränkte Rückschlüsse auf die tatsächliche Investitionstätigkeit von Unternehmen einzelner Branche zulassen.[1]
Investitionen der Pharmakonzerne mit massivem Anstieg
Um die beschriebene Evidenzlücke zu schliessen, haben wir einen eigenen Datensatz erhoben. Ausgewertet wurden die in Medienmitteilungen und Geschäftsberichten publizierten Investitionsplanungen und -ankündigungen von 72 international tätigen Pharma- und Biotech-Unternehmen. Hierfür wurde ein grosses Sprachmodell (LLM) eingesetzt. Erfasst sind angekündigte Vorhaben in Produktions-, Forschungs- und Infrastrukturkapazitäten mit Standort, Zielland, Investitionsvolumen, Zeithorizont und funktionaler Kategorie. Mehrfacherfassungen wurden herausgefiltert und strittige Angaben in einem nachgelagerten Validierungsschritt ausgeschlossen. Nach Bereinigung verblieben 379 Projekte ab 2016 mit einem angekündigten Gesamtvolumen von rund 645 Milliarden US-Dollar über den Publikationszeitraum 2016-2026.
Allein seit 2022 haben die 100 grössten Pharmaunternehmen weltweit Investitionen von über 500 Milliarden US-Dollar angekündigt, mit Programmen, die bis in die 2030er-Jahre hineinreichen. Die Verteilung dieser Investitionen verschiebt sich jedoch spürbar: In den USA steigen die angekündigten Investitionen in der Periode 2022–2026 gegenüber 2016–2021 um 250 Prozent, in China sogar um 440 Prozent, in Europa um 152 Prozent.
Schweiz verliert an Boden
Innerhalb Europas verliert die Schweiz dabei an Boden: Ihr Anteil an den in Europa angekündigten Investitionen ist von 29 Prozent (2016–2021) auf noch 12 Prozent seit 2022 gesunken – während das übrige Europa im gleichen Zeitraum um 212 Prozent zulegte. In der Schweiz selbst liegt das angekündigte Volumen seit 2022 nur geringfügig über dem Niveau der Vorperiode (+2.2 Prozent).
Bemerkenswert: Die Zahl der in der Schweiz angesiedelten Projekte ist im gleichen Zeitraum von 15 auf 18 Prozent gestiegen – die Schweiz zieht also zunehmend kleinere Vorhaben an, im bereich der grossen Projekte kommen vermehrt Standorte im restlichen Europa zum Zug.
Wie stark einzelne Grossprojekte das Bild prägen, zeigt eine Gegenprobe: Rechnet man Roche am Standort Basel und Novo Nordisk in Dänemark aus der Betrachtung heraus, läge der Schweizer Anteil an den europäischen Investitionen seit 2022 nur noch bei 7 Prozent.
Abb.: Investitionsankündigungen global tätiger Pharmaunternehmen

Ausbleibende Investitionen sind mehr als entgangene Chancen
Ausbleibende Direktinvestitionen sind mehr als entgangene Chancen. Sie signalisieren eine Verschlechterung der Position im internationalen Standortwettbewerb. Eine sinkende Attraktivität eines Standorts zeigt sich dabei nicht unbedingt und auch nicht sofort in Wegzügen bestehender Unternehmen, sondern zunächst in der Depriorisierung bei Neuinvestitionen. Die Daten deuten darauf hin, dass genau dies gerade passiert: Die Schweiz bleibt ein etablierter Pharmastandort, verliert aber im Wettbewerb um die nächste Investitionsgeneration an Boden.
Warum der Druck auf den hiesigen Pharmastandort steigt
Da sind zum einen die Verlagerungen in die USA. Schweizer Pharmaunternehmen haben für die kommenden Jahre Investitionen von insgesamt 75 Milliarden US-Dollar in den USA angekündigt, mit dem erklärten Ziel, den US-Markt künftig schwerpunktmässig mit regionaler Produktion zu bedienen. Getrieben wird diese Entwicklung durch den steigenden Bedarf, zeitkritische biotechnologische Therapien in der Nähe der Patientinnen und Patienten herzustellen, sowie durch die Handelspolitik der US-Administration, die dieser Verlagerung zusätzlichen Schub verleiht.
Zum anderen treibt die US-Administration eine Preisreform voran, die – je nach Umsetzung und je nach Reaktion potenzieller Kompensationsländer wie Europa, Australien, Japan oder Kanada – empfindliche Margeneinbussen für die Pharmaindustrie mit sich bringen könnte. Gerade weil die Schweiz in den zentralen US-Referenzpreismodellen als Vergleichsland vorgesehen ist, wirkt sich die hiesige Preispolitik damit unmittelbar auf die Rentabilität von Investitionen aus.
Gleichzeitig steigt China immer stärker zum global relevanten Forschungsstandort auf, der bereits früh in globale Entwicklungspläne einbezogen wird. Regulatorische Reformen sowie die Stärkung des geistigen Eigentums zeigen Wirkung: Forschungs- und Entwicklungsausgaben, klinische Studien der Phasen I und II sowie die Zahl der New-Active-Substance-Launches liegen inzwischen auf vergleichbarem Niveau wie in den USA. China baut zudem gezielt regulatorische Vorteile aus – etwa mit einer Bearbeitungsfrist für klinische Prüfungsanträge von neu 30 statt 60 Arbeitstagen, einer Datenexklusivität von bis zu sechs Jahren für innovative Wirkstoffe und einer beschleunigten Erstattung neuer Medikamente. Für multinationale Pharmaunternehmen wird die Planung des chinesischen Marktzugangs damit zunehmend Teil der globalen Entwicklungsstrategie und nicht mehr nur ein nachgelagerter kommerzieller Schritt.
In Europa, das nach wie vor die höchste Pharmawertschöpfung weltweit aufweist, versuchen derweil grosse Länder zunehmend mit industriepolitischen Anreizen, ihre Pharmastandorte zu stärken – ein zusätzlicher Wettbewerbsdruck auch innerhalb des Kontinents, dem sich die Schweiz stellen muss.
Welchen Einfluss hat die Politik auf die Standortwahl?
Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, welche die Standortentscheidung von Unternehmen beeinflussen. Die wirtschaftspolitischen und regulatorischen Rahmenbedingungen spielen dabei eine zentrale Rolle. Manche dieser Rahmenbedingungen werden regional bestimmt. Kantone nehmen hier über ihre Steuerpolitik (Innovationsanreize), ihre Bildungspolitik (Grundlagenforschung, Ausbildung), ihre Innovationspolitik (Start-Up-Förderung) oder Infrastrukturpolitik (Erreichbarkeit) Einfluss.
Auf nationaler Ebene werden wichtige branchenspezifische regulatorische Rahmenbedingungen gesetzt. Der Einfluss erfolgt bspw. über Zulassungsprozesse oder Vergütungssysteme (Medikamentenpreise, Preismodelle). Wie sensitiv Unternehmen auf Veränderungen solcher Rahmenbedingungen reagieren, hat uns das Beispiel von Eli Lilly in Deutschland gezeigt, welches seine ursprünglich geplanten Investitionen in Höhe von 2.7 Mia. Dollar dort (auf die Hälfte) nach unten korrigiert hat, nachdem die deutsche Regierung ihre Pläne zu einer Gesundheitsreform mit Auswirkungen auf die Vergütung innovativer Medikamente angekündigt hatte. Mittlerweile wurde das Sparpaket in Deutschland abgemildert.
Es gibt auch Entwicklungen, die ausserhalb der Schweiz stattfinden und Einfluss auf die Attraktivität des Standorts Schweiz haben. Bspw. wenn technologische Entwicklungen und die US-Handelspolitik Schweizer Firmen dazu veranlassen, Kapazitäten in den USA aufzubauen und den US-Markt verstärkt onshore bedienen. Auch oder gerade im Zusammenhang mit der US-Reform der Preisregulierung (MFN) steht für die Schweiz viel auf dem Spiel. Über das Referenzpreissystem hat die Schweizer Preispolitik dabei aber einen eigenständigen Hebel, der einen Einfluss auf die Vergütung in den USA hat. Je niedriger die Preise hierzulande, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass über das Referenzpreissystem auch die die Preise in den USA stärker sinken.
Im Rahmen einer Szenarioanalyse haben wir uns mit den möglichen Folgen des US-Onshorings und der Umsetzung des MFN-Systems befasst. Sollte es zu einer restriktiven Umsetzung des MFN kommen droht für die Schweiz ein Wertschöpfungsverlust von bis zu 195 Mia. CHF. Das entspricht rund einem Fünftel des heutigen Bruttoinlandsprodukts. Entscheidend ist dabei, ob sich die tieferen US-Preise teilweise ausgleichen lassen durch entsprechende Preissteigerungen in Europa, Australien, Kanada und Japan. Falls dies nicht erfolgt, können neue Arzneimittel dort später oder gar nicht eingeführt werden. Neben dem wirtschaftlichen Schaden verschlechtert sich dann zusätzlich der Zugang der Patienten zu innovativen Medikamenten.
Wie können periphere Regionen von Grossinvestitionen profitieren?
Aus Sicht der Standorte sind ausbleibende Investitionen entgangene Chancen. Wie stark regionale Volkswirtschaften von solchen Investitionen profitieren, haben wir anhand einer modellbasierten Quantifizierung der Wertschöpfungs-, Arbeitsplatz- und Einkommenseffekte eines typisierten Grossvorhabens in einer peripheren Schweizer Region im Massstab eines kleineren bis mittelgrossen Kantons illustriert. Es handelt sich dabei um ein hypothetisches Szenario basierend auf einer Vielzahl tatsächlicher Investitionsprojekte aus der Vergangenheit.
Wir unterstellen den Bau einer modernen Anlage zur Herstellung biologischer Wirkstoffe mit einem Investitionsvolumen von 1.5 Milliarden Franken. Bereits während der sechs- bis achtjährigen Bauzeit fliessen 829 Millionen Franken – gut die Hälfte der Investitionssumme – als Auftragsvolumen an Unternehmen der Standortregion. Daraus resultieren temporär 574 Millionen Franken regionale Wertschöpfung, 453 Millionen Franken Arbeitnehmereinkommen und 714 Vollzeitstellen pro Jahr, was einem Wachstumsimpuls von 4.4 Prozent der gesamten regionalen Wirtschaftsleistung entspricht. Am stärksten profitiert dabei das regionale Baugewerbe, während die hochspezialisierte Anlagentechnik überwiegend importiert wird.
Der eigentliche, dauerhafte Beitrag zur regionalwirtschaftlichen Entwicklung entsteht aber erst nach Inbetriebnahme: Am Standort entstehen 550 hochqualifizierte Arbeitsplätze und eine jährliche Wertschöpfung von rund 468 Millionen Franken. Über Vorleistungsbezüge und die Kaufkraft der Beschäftigten profitieren zahlreiche weitere Unternehmen aus verschiedenen Branchen, sodass in der Region insgesamt rund 627 Millionen Franken Wertschöpfung und 1’569 Vollzeitstellen pro Jahr resultieren – 4.8 Prozent der gesamten regionalen Wirtschaftsleistung.
Jede am Standort geschaffene Stelle trägt damit rund zwei weitere Stellen in der Region: ein Hinweis darauf, dass ein kapitalintensiver Standort über seine Nachfrage auch personalintensivere Branchen mitträgt. Auf die langfristige Perspektive gerechnet, bedeutet eine Investition dieser Grössenordnung ein jährliches BIP-Wachstumsplus von 0.3 Prozentpunkten für die Standortregion bis 2040 – eine wirtschaftliche Grössenordnung, die weit über das hinausgeht, was von einem einzelnen Betrieb typischerweise zu erwarten wäre.
Handlungsspielraum nutzen!
Unsere Analyse zeigt zweierlei: Erstens, dass sich die internationale Investitionsdynamik von der Schweiz weg verlagert. Und zweitens, wie viel eine einzelne Grossinvestition für eine Standortregion tatsächlich wert ist. Beides zusammen ergibt einen klaren Auftrag an die Wirtschaftspolitik: die eigenen Handlungsspielräume – bei den Rahmenbedingungen, die wir selbst gestalten können – konsequent zu nutzen.
[1] Die Schweizerische Nationalbank weist die Pharmaindustrie nicht separat aus, sondern zusammen mit Chemie, Mineralöl und Kunststoffen in der Kategorie «Chemie und Kunststoffe». Zudem entfällt der grösste Anteil der ausgewiesenen FDI-Bestände auf Finanz- und Holdinggesellschaften, die nicht der Kategorie «Chemie und Kunststoffe» zugeordnet sind, aber realwirtschaftliche Aktivitäten dieser Branche mitfinanzieren können.
