AHV: WER ZAHLT DIE RECHNUNG?

Am 29. November stimmt die Schweiz über die Zusatzfinanzierung der AHV durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer ab. Damit entscheidet das Stimmvolk nicht nur über einen Steuersatz. Es entscheidet auch darüber, welches Finanzierungsinstrument zum Einsatz kommt – und wer die Last trägt.

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Die Abstimmung ist nur der sichtbare Teil einer grösseren finanzpolitischen Frage. Die Alterung der Bevölkerung, die 13. AHV-Rente und höhere Verteidigungsausgaben erhöhen den Druck auf die öffentlichen Finanzen. Die Anlässe sind unterschiedlich. Die Instrumente sind meist dieselben: Mehrwertsteuer, Lohnbeiträge oder Referenzalter.

Unsere Studie  im Auftrag des Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) untersucht, was diese drei Hebel wirtschaftlich und sozial bewirken. Sie beantwortet keine politische Frage. Sie zeigt aber, welches Instrument die Volkswirtschaft wie stark belastet – und welche Gruppen besonders betroffen sind.

Drei Ausgabenblöcke, eine Frage

Die öffentlichen Finanzen der Schweiz geraten gleichzeitig von mehreren Seiten unter Druck. Im Hintergrund wirkt die Demografie. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Pension, die Zahl der Rentenbeziehenden wächst schneller als jene der Erwerbstätigen. 

Dazu kommt die 13. AHV-Rente. Sie wird im Dezember 2026 erstmals ausbezahlt. Im ersten Jahr kostet sie rund 4.2 Milliarden Franken, 2030 rund 4.5 Milliarden und bis 2040 gegen 5.4 Milliarden. Das Parlament hat sich in der Sommersession 2026 für eine Teilfinanzierung über die Mehrwertsteuer entschieden. Der Normalsatz soll ab 2028 von 8.1 auf 8.5 Prozent steigen. Das deckt jedoch nur einen Teil der Kosten. Die verbleibende strukturelle Lücke wird in die Reform AHV 2030 verschoben.

Hinzu kommt die Sicherheitspolitik. Angesichts der verschlechterten geopolitischen Lage will der Bundesrat die Verteidigung substanziell stärken. Im Januar 2026 bezifferte er den zusätzlichen Mittelbedarf auf rund 31 Milliarden Franken und schlug zur Finanzierung eine befristete, zweckgebundene Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0.8 Prozentpunkte ab 2028 vor.

Damit steht die Schweiz vor mehreren Finanzierungsentscheiden, die sich überlagern. Auffällig ist: So unterschiedlich die politischen Anlässe sind, so ähnlich ist das Instrumentarium. Mehr Einnahmen über die Mehrwertsteuer, mehr Einnahmen über Lohnbeiträge – oder weniger Ausgaben durch ein höheres Referenzalter. Genau diese drei Hebel haben wir untersucht. Nicht, um eine politische Empfehlung abzugeben, sondern um die zentrale Frage zu beantworten: Welcher Hebel kostet was, und wen trifft er?

Wie wir gerechnet haben

Die Studie kombiniert zwei Perspektiven. Die gesamtwirtschaftlichen Effekte bilden wir mit dem BAK-Makromodell ab. Dieses datengestützte Modell der Schweizer Volkswirtschaft umfasst über 1’000 Gleichungen und verbindet kurzfristige Nachfrageeffekte mit langfristigen Angebotsmechanismen. Ergänzend berechnen wir auf Basis der Haushaltsbudgeterhebung, wie stark verschiedene Haushaltstypen und Einkommensgruppen belastet werden.

Für die Interpretation sind zwei Punkte entscheidend. Erstens betrachten wir jede Massnahme isoliert und mit gleichem Einnahmenziel (rund 3.4 Milliarden Franken). Modelliert haben wir dafür stilisierte Schritte: eine Mehrwertsteuererhöhung um einen Prozentpunkt, eine Erhöhung der AHV-Beitragssätze um 0.75 Prozentpunkte und eine Anhebung des Referenzalters um ein Jahr. Diese Schritte dienen dem sauberen Vergleich der Instrumente. Sie sind nicht mit den konkreten politischen Beschlüssen zu verwechseln.

Zweitens modellieren wir nicht, was passiert, wenn nichts geschieht. Die Studie zeigt die Wirkung der Finanzierung – nicht die Kosten einer ausbleibenden Stabilisierung.

Mehrwertsteuer: breite Last, aber regressiv

Eine höhere Mehrwertsteuer verteuert den Konsum und schmälert damit die Kaufkraft der Haushalte. Gemäss unseren Simulationen sinkt das reale BIP im ersten Jahr um 0.17 Prozent. Das entspricht einem Verlust von rund 1.4 Milliarden Franken. Bis 2040 summieren sich die kumulierten BIP-Verluste im Modell auf rund 9 Milliarden Franken. Das Preisniveau liegt im ersten Jahr 0.5 Prozent höher und bleibt dauerhaft erhöht. Auf dem Arbeitsmarkt resultiert 2030 ein Rückgang der Erwerbstätigenzahl um rund 2’400 Personen.

Sozial betrachtet ist die Basis breit. Die Mehrwertsteuer trifft alle Haushalte über den Konsum, auch Rentenbeziehende und andere Gruppen ohne Erwerbseinkommen. Ein Durchschnittshaushalt zahlt im Hauptszenario jährlich rund 287 Franken mehr für denselben Warenkorb.

Entscheidend ist aber die Belastung relativ zum Einkommen. Hier wirkt die Mehrwertsteuer klar regressiv. Weil der Konsum bei tiefen Einkommen einen grösseren Anteil des Budgets ausmacht, werden einkommensschwache Haushalte verhältnismässig stärker belastet als einkommensstarke.

Lohnbeiträge: die Last bei den Erwerbstätigen

Höhere AHV-Beiträge verteuern Arbeit und belasten sowohl Arbeitnehmende als auch Arbeitgeber. Das dämpft die Arbeitsnachfrage und setzt die Reallöhne unter Druck. Entsprechend fallen die gesamtwirtschaftlichen Effekte ungünstiger aus als bei der Mehrwertsteuer. Der kumulierte Verlust beim realen BIP beläuft sich bis 2040 auf rund 17.3 Milliarden Franken. Die Erwerbstätigenzahl geht bis dahin um rund 2’900 Personen zurück. Auch der Rückgang beim privaten Konsum ist hartnäckiger, weil sich Kaufkraftverluste über tiefere Löhne schwerer ausgleichen lassen als über das allgemeine Preisniveau. Zum nachdenken: Zigaretten werden besteuert, damit die Bevölkerung weniger raucht. Warum also «Arbeit» besteuern? 

Zudem ist die Last enger konzentriert. Da rund 93 Prozent der AHV-Lohnsumme auf Arbeitnehmende entfallen, bleiben Haushalte ohne Erwerbseinkommen – darunter die meisten Pensionierten – von einer Beitragserhöhung nahezu unberührt. Für einen durchschnittlichen Arbeitnehmerhaushalt ergibt sich eine jährliche Mehrbelastung von rund 449 Franken. Innerhalb der Erwerbstätigen wirkt die Belastung leicht progressiv. Berücksichtigt man die Steuerersparnis aus dem tieferen steuerbaren Einkommen, verläuft sie sogar leicht degressiv.

Referenzalter: der Hebel, der hinzufügt statt entzieht

Das Referenzalter unterscheidet sich grundlegend von den beiden anderen Instrumenten. Steuer- und Beitragserhöhungen entziehen der Volkswirtschaft Kaufkraft. Ein höheres Referenzalter erhöht dagegen das Arbeitsangebot.

Unter der Annahme, dass dieses zusätzliche Arbeitsangebot absorbiert wird, ergibt unsere Simulation für eine Erhöhung um ein Jahr einen BIP-Gewinn von rund 4.2 Milliarden Franken im Jahr 2030. Kumuliert steigt das reale BIP bis 2040 um rund 54 Milliarden Franken. Die geringere Knappheit auf dem Arbeitsmarkt wirkt zudem preisdämpfend.

Die nicht-quantifizierten Gegenargument: Geringqualifizierte und gesundheitlich beeinträchtigte Personen können auf eine längere Erwerbsphase weniger flexibel reagieren als gut Qualifizierte. Zudem verweisen die Gegner auf das jüngst klare Volksverdikt zu dem Thema. 

Was die Zahlen sagen – und was nicht

Der Vergleich zeigt ein klares Muster. Bei fast allen makroökonomischen Kenngrössen schneidet eine Beitragssatzerhöhung schlechter ab als eine Mehrwertsteuererhöhung. Das höhere Referenzalter ist der einzige Hebel mit positivem BIP-Effekt. Und werden Massnahmen kombiniert, liegen die Ergebnisse nahe am Mittelwert der Einzelmassnahmen.

Entscheidend ist die zweite Beobachtung: Jeder Hebel verschiebt die Last auf eine andere Gruppe. Die Mehrwertsteuer belastet alle, relativ am stärksten aber tiefe Einkommen. Die Lohnbeiträge konzentrieren die Last auf die Erwerbstätigen und verschonen die Pensionierten weitgehend. Das Referenzalter trifft jene besonders, die ihre Erwerbsphase am wenigsten verlängern können.

Die Wahl des Finanzierungsinstruments ist deshalb nie nur eine technische Frage der Mittelbeschaffung. Sie entscheidet mit, wer die Last trägt – und in welcher Lebensphase.

Unsere Ergebnisse machen transparent, welche wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen die einzelnen Instrumente haben. Genau diese Transparenz braucht eine fundierte politische Debatte.

Die Zahlen liefern wir. Die Gewichtung bleibt politisch.

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