Ein aktuelles Beispiel unseres Partnerinstituts Oxford Economics liefert Anschauungsmaterial aus den USA. Die Fussball-WM 2026 hinterliess in den meisten Austragungsorten zumindest am Arbeitsmarkt Spuren: Von den elf untersuchten Metropolregionen mit WM-Spielen verzeichneten zehn gegenüber dem Vorjahr einen Beschäftigungszuwachs im Bereich Freizeit und Gastgewerbe.
Das klingt zunächst nach einem ziemlich klaren wirtschaftlichen Argument für einen Grossanlass. Ganz so einfach ist es allerdings nicht.
DIE WM SCHAFFT BESCHÄFTIGUNG – ABER IST SIE AUCH DIE URSACHE?
Los Angeles, Dallas, Seattle, Kansas City und Philadelphia verzeichneten im Freizeit- und Gastgewerbe Beschäftigungszuwächse von mehr als 2 Prozent gegenüber dem Vorjahressommer. Das passt zur naheliegenden Geschichte: Fans reisen an, übernachten, essen, trinken und geben Geld aus. Hotels, Restaurants und Freizeitbetriebe benötigen zusätzliches Personal.
Doch die Analyse zeigt gleichzeitig, weshalb bei solchen Zahlen Vorsicht angebracht ist. Einige Städte ohne WM-Spiele entwickelten sich noch stärker. Nashville, Cincinnati, Cleveland und Raleigh gehörten zu den Regionen mit dem kräftigsten Beschäftigungswachstum im Freizeit- und Gastgewerbe – ohne ein einziges WM-Spiel ausgetragen zu haben.
Fazit: WM-Gastgeber finden sich unter den Gewinnern, aber eben keineswegs nur sie.
Damit sind wir bei einem klassischen Problem ökonomischer Wirkungsanalysen: Was wäre ohne den Grossanlass passiert?
Ein zusätzlich besetztes Hotelzimmer während eines Olympia-Wochenendes ist sichtbar. Das Hotelzimmer, das auch ohne Olympia belegt gewesen wäre, dagegen nicht. Und noch schwieriger wird es bei der Frage, ob zusätzliche Beschäftigung tatsächlich durch den Anlass entstanden ist oder Teil einer ohnehin guten touristischen Entwicklung war.
BESCHÄFTIGUNG IST NOCH NICHT WERTSCHÖPFUNG
Die Oxford-Analyse betrachtet ausschliesslich den Arbeitsmarkt. Sie zeigt damit einen wichtigen Ausschnitt der wirtschaftlichen Wirkung – aber eben nur einen Ausschnitt.
Eine umfassende BAK-Analyse für einen Schweizer Grossanlass würde einen Schritt weitergehen. Entscheidend wäre nicht nur, wie viele zusätzliche Personen beschäftigt werden, sondern welche zusätzliche Wertschöpfung tatsächlich in der Schweiz entsteht.
Dazu gehören die direkten Effekte bei Hotellerie, Gastronomie, Transport, Detailhandel oder Veranstaltern. Hinzu kommen indirekte Effekte entlang der Schweizer Wertschöpfungsketten: Ein Hotel kauft zusätzliche Lebensmittel ein, ein Veranstalter benötigt Sicherheitsdienstleistungen, ein Restaurant bestellt mehr Getränke.
Aber auch diese Bruttoeffekte erzählen noch nicht die ganze Geschichte.
DER GAST IM STADION KANN NICHT GLEICHZEITIG IM RESTAURANT SITZEN
Grossanlässe ziehen zusätzliche Besucher an. Sie können gleichzeitig andere Gäste verdrängen. Einheimische verändern ihre Konsumausgaben. Arbeitskräfte, Hotelkapazitäten und Infrastruktur werden für den Anlass eingesetzt und stehen während dieser Zeit nicht für andere Aktivitäten zur Verfügung.
Ökonomen sprechen von Opportunitätskosten.
Gerade in der Schweiz ist das relevant. Findet ein Grossanlass in einer ohnehin sehr gut ausgelasteten Tourismusregion statt, ist ein zusätzliches Logiernächte-Plus volkswirtschaftlich weniger wert als in einer Periode mit freien Kapazitäten. Ein während eines Grossanlasses für 500 Franken verkauftes Hotelzimmer erzeugt nicht 500 Franken zusätzliche Nachfrage, wenn dasselbe Zimmer ohne Anlass für 300 Franken ebenfalls verkauft worden wäre.
Das Gleiche gilt für öffentliche Mittel. Geld für Sportstätten, Verkehrsinfrastruktur oder Sicherheit kann wirtschaftlichen Nutzen stiften. Es hätte aber alternativ ebenfalls eingesetzt werden können.
Die relevante Frage lautet deshalb nicht: Wie viel wirtschaftliche Aktivität findet während des Grossanlasses statt?
Sondern: Wie viel zusätzliche wirtschaftliche Aktivität entsteht gegenüber einer Schweiz ohne diesen Grossanlass – und welche Ressourcen werden dafür eingesetzt?
UND DANN GIBT ES NOCH EFFEKTE, DIE SCHWER IN FRANKEN ZU MESSEN SIND
Bei Olympischen Spielen wird diese Abgrenzung besonders wichtig. Der wirtschaftliche Nutzen eines solchen Ereignisses erschöpft sich nicht in Hotelübernachtungen und Restaurantumsätzen.
Internationale Sichtbarkeit, touristisches Marketing, Investitionen in Infrastruktur oder langfristige Impulse für eine Region können relevant sein. Gleichzeitig entstehen Kosten für Organisation, Sicherheit und Infrastruktur sowie finanzielle Risiken. Manche Effekte treten während weniger Wochen auf, andere möglicherweise erst Jahre später.
Und schliesslich gibt es einen Nutzen, der sich einer klassischen Wertschöpfungsrechnung weitgehend entzieht: Hunderttausende Menschen erleben einen Sportanlass, Freiwillige engagieren sich, Kinder entdecken vielleicht eine Sportart – und ein Land erlebt gemeinsam etwas Aussergewöhnliches.
Wer einmal selbst an Olympischen Spielen teilgenommen hat, weiss, dass dieser Teil real ist. Ihm einen Frankenbetrag zu geben, ist allerdings deutlich schwieriger.
Genau deshalb sollte die ökonomische Analyse weder dazu dienen, einen Sportgrossanlass schönzurechnen, noch ihn kleinzurechnen. Sie sollte sichtbar machen, was zusätzlich entsteht, wer davon profitiert, welche Kosten gegenüberstehen – und was ohnehin passiert wäre.
Die amerikanischen Erfahrungen mit der Fussball-WM liefern dafür einen interessanten ersten Datenpunkt. Dass zehn von elf Austragungsregionen mehr Beschäftigung im Freizeit- und Gastgewerbe verzeichneten, ist bemerkenswert. Dass einige Nicht-Austragungsorte noch stärker zulegten, ist mindestens ebenso wichtig.
Für die Schweizer Diskussion über künftige Grossanlässe – bis hin zu möglichen Olympischen Spielen – liegt genau dort die ökonomisch interessante Frage.
