Und doch: Wirtschaftsprognosen bieten trotzdem wertvolle Orientierung. Sie helfen dabei, Szenarien durchzuspielen, und bieten eine verlässliche Grundlage für Entscheidungen – gerade in unsicheren Zeiten.
Aber wie geht man als Ökonom mit einem Krieg um, den niemand vorhergesagt hat? Ich versuche das kurz zu erklären.
Anreize statt Emotionen
Der erste Schritt ist banal und gleichzeitig entscheidend: Wir analysieren keine Schlagzeilen, sondern Anreize. Was will welcher Akteur? Wer gewinnt, wer verliert, wer hat ein Interesse an Eskalation – und wer nicht?
Für Israel, den Iran und die USA lassen sich diese Anreize durchaus einordnen. Die Anreizstruktur des iranischen Regimes ist vergleichsweise klar: überleben, Zeit gewinnen, die Kosten für den Gegner in die Höhe treiben. Israels Ziele sind es ebenfalls: Abschreckung, Sicherheit, die Ausschaltung nuklearer Kapazitäten. Am schwierigsten zu lesen sind die USA – nicht weil die Anreize fehlen, sondern weil die Entscheidungslogik unter der aktuellen Administration kaum prognostizierbar ist.
Das ist unbequem. Aber es ist ehrlicher als so zu tun, als ob man es wüsste.
Spieltheorie: Den Konditionalsatz lesen
Der zweite Schritt ist spieltheoretischer Natur. Kriege eskalieren nicht linear. Akteure signalisieren – oft nicht durch das, was sie sagen, sondern durch das, was sie nicht sagen.
Ein Beispiel aus den letzten Wochen: Trump drohte, iranische Gasfelder zu zerstören. Aber das war nicht die eigentliche Nachricht. Die eigentliche Nachricht stand im Konditionalsatz: «Falls der Iran Qatar erneut angreift.» Das ist kein Ultimatum – das ist ein Koordinationsangebot. Ein Ausweg. Spieltheoretisch nennt man das den Wechsel von Tit-for-Tat zu einem Mechanismus, bei dem beide Seiten einen Schritt zurücktreten können, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Und nun spricht Trump sogar von einem «Deal».
Ob die Mullahs die Signale genauso lesen, wissen wir nicht. Aber es verändert die Wahrscheinlichkeitsverteilung über mögliche Szenarien.
Vergleich mit früher: This time is different?
Dritter Schritt: historische Kalibrierung. «This time is different» sind die gefährlichsten Worte in der Ökonomie – das haben Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff eindrücklich gezeigt. Also schauen wir zurück.
Der Golfkrieg 1990/91: sieben Monate, Ölpreisschock +130%, danach rasche Normalisierung. Der Irakkrieg 2003: militärisch schnell, ökonomisch moderat. Und dann: Ukraine 2022. Struktureller Energieschock, Europäischer Gaspreis (TTF) von 80 auf 345 Euro, Inflation auf Jahrzehnthochs, 500 Basispunkte Nachzügler-Tightening durch die Fed.
Die relevanteste Analogie zum heutigen Konflikt ist die Ukraine. Nicht in der Intensität – aber in der Qualität: Ein Angebotsschock, der die Energieinfrastruktur trifft, der Lieferketten in potentiell unterschiedlichem Masse stört. Der wichtige Unterschied: Der heutige Schock ist bislang kleiner und noch ist keine «Hardware» zerstört, sondern nur der Energietransport blockiert. Tanker sind deutlich flexibler als Pipelines.
Treiber identifizieren: Was zählt wirklich?
Öl bei 113 Dollar pro Barrel. TTF bei über 59 Euro pro MWh – eine Verdoppelung seit Februar. US-Anleiherenditen auf dem höchsten Stand seit Juli 2025, weil die Märkte Inflation mehr fürchten als Rezession.
Das sind keine isolierten Datenpunkte. Das sind Transmissionsmechanismen. Jeder höhere Ölpreis trifft Transport, Produktion, Heizung. Der Gaspreisanstieg belastet besonders die europäische Industrie. Und der Anleihemarkt? Er ist der eigentliche Elefant im Raum – denn steigende Renditen verteuern die Finanzierungskosten für Unternehmen und Staaten weltweit und können Investitionsentscheidungen kaskadenartig beeinflussen.
Was sich trotzdem sagen lässt: sichere Prognosen
Unter Ungewissheit suchen Ökonomen nach Aussagen, die über mehrere Szenarien hinweg gelten. Robuste Prognosen nennt man das.
Für die Schweiz gibt es eine solche Aussage: Die SNB wird die Zinsen nicht erhöhen. In keinem der plausiblen Szenarien. Entweder steigen die Auslandszinsen – dann stabilisiert sich der Franken, die SNB braucht nicht zu handeln. Oder sie steigen nicht – dann droht weiterer Aufwertungsdruck, und die SNB wird den Franken mit Interventionen dämpfen, aber keine Erhöhung riskieren.
Das ist keine dramatische Prognose. Aber es ist eine verlässliche. Und in Zeiten wie diesen hat Verlässlichkeit einen eigenen Wert.
Szenarien statt Punktprognosen
Die wichtigste Lektion aus all dem: Prognosen sind keine Vorhersagen. Sie sind strukturierte Beschreibungen möglicher Zukünfte – mit expliziten Annahmen, die man offenlegen und überprüfen kann.
Unser Basisszenario: keine weitere Eskalation, schrittweise Beruhigung der Energiemärkte, Ölpreis normalisiert sich bis 2028 Richtung 60 Dollar. Wachstum Schweiz 2026: 0.8 Prozent. Inflation: 0.6 Prozent (Link zur Prognose)
Wenn dieses Szenario nicht eintritt – wenn die Strasse von Hormus länger gesperrt bleibt, wenn die Schäden an der Energieinfrastruktur grösser sind als erwartet – dann sehen die Zahlen anders aus. Das sagen wir offen. Denn das ist keine Schwäche einer Prognose. Es ist ihre Stärke.
Prognosen bleiben notwendig. Ohne sie lassen sich keine wirtschaftlichen Entscheidungen treffen. Aber sie sollten immer mit einer Portion Demut verfasst – und gelesen – werden.
