AND THE OSCAR GOES TO: KEVIN

Ein Drama mit Ansage: Kevin Warsh übernimmt die Fed im Mai – mit einem impliziten Auftrag. Und gerät sofort in das gefährlichste geldpolitische Dilemma seit 2021.

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Kevin Warsh übernimmt die Federal Reserve (Fed) im Mai 2026. Sein unausgesprochener Auftrag von Donald Trump: die Zinsen senken. 

Nur: Warsh tritt sein Amt in einem Moment an, in dem drei Schocks gleichzeitig auf die US-Wirtschaft einwirken: ein massiver Ölpreisschock infolge der Hormuz-Krise, ein Zollregime mit breiten Angebotsseiteneffekten und ein strukturell ausgeweitetes Fiskaldefizit. Und trotzdem – oder gerade deshalb – wird von ihm erwartet, zu lockern.

Was folgt? Ein Drama in drei Akten:

Akt I: Das Vorbild

Um zu verstehen, was auf dem Spiel steht, lohnt ein Blick zurück. 2019 senkte Jerome Powell die Leitzinsen dreimal präventiv – nicht weil die Inflation zu tief war, nicht weil eine Rezession bereits sichtbar war, sondern weil sie kommen könnte.

Classic preemptive cut: Man handelt, bevor das Feuer ausbricht. Man verankert die Wachstumserwartungen. Man gibt der Wirtschaft Luft, bevor sie zu schnaufen beginnt.

Es war mutig. Es war richtig. Und es hat funktioniert – bis COVID alles überrollte.

Powells Entscheid war damals politisch umstritten. Aber die Entscheidung war geldpolitisch eigenständig motiviert und kommunikativ glaubwürdig untermauert. Das ist der entscheidende Punkt, auf den ich zurückkommen werden.

Akt II: Der Schock

Seit den US-israelischen Angriffen auf Iran Ende Februar 2026 ist die Strasse von Hormus – durch die rund 20% des weltweiten Öldurchsatzes fliessen – weitgehend blockiert. Brent crude sprang von etwa $70 auf zeitweise über $100 pro Fass. Benzinpreise in den USA erreichten Mehrjahreshochs.

Kurzfristig ist das inflationär – das ist Physik. Energiepreise steigen, Transportkosten folgen, Konsumentenpreise ziehen nach.

Aber mittelfristig? Hier beginnt die eigentliche ökonomische Debatte.

Ein Angebotsschock verschiebt relative Preise, nicht das allgemeine Preisniveau dauerhaft. Wer mehr für Energie zahlt, gibt woanders weniger aus. Realeinkommenseffekte dämpfen die Gesamtnachfrage. Ohne eine Lohn-Preis-Spirale – ohne Zweitrundeneffekte also – ist ein Ölschock strukturell wachstumsdämpfend und damit mittelfristig deflationär.

Das ökonomische Argument für preemptive Cuts ist in diesem Szenario durchaus gegeben – mindestens so stark wie 2019, vielleicht stärker.

Niemand weiss, wann Öl wieder auf $70 fällt. Klappt die Hormuz-Blockade in Wochen zusammen: preemptive cuts rational. Hält sie Monate: der Inflationsdruck akkumuliert sich, Zweitrundeneffekte werden wahrscheinlicher, und das Kalkül kippt.

Akt III: Die Falle

Genau hier lauert das strukturelle Risiko dieser Amtsübergabe.

Man erinnere sich: 2021 klassifizierte die Fed den damaligen Preisschock als «temporär». Zu lange. Die Inflationserwartungen kippten. Zweitrundeneffekte setzten ein. Lohnanpassungen folgten. Am Ende stand ein Nachzügler-Tightening von 500 Basispunkten – das härteste Zinserhöhungsprogramm seit Volcker.

Das war die Transitory-Falle: Die richtige analytische Einschätzung (Schocks sind temporär) führte zur falschen Reaktion (zu lange warten), weil die Kommunikation die Erwartungen nicht verankert hielt.

Das Bühnenbild

Heute ist das Umfeld sogar noch komplexer als 2021. Drei Angebotsschocks wirken gleichzeitig: Ölpreise, Zölle, Fiskaldefizit. Inflationserwartungen sind nach der 2021–2023-Episode ohnehin verletzlich. Die Gefahr, sie erneut zu entankern, ist real.

Und dann ist da noch die institutionelle Dimension

Warsh wurde wegen seiner Bereitschaft zu lockern nominiert. Trump hat Powell monatelang öffentlich beschimpft  und schliesslich durch einen Kandidaten ersetzt, der als sein Mann gilt. 

Wenn Warsh jetzt senkt – ökonomisch möglicherweise richtig – glauben die Märkte, dass er es aus den richtigen Gründen tut?

Glaubwürdigkeit einer Zentralbank basiert nicht allein auf der Entscheidung. Sie basiert auf der Wahrnehmung der Motivation dahinter. Ein Cut, der ökonomisch rational wäre, kann inflationserwartungsdestabilisierend wirken, wenn die Märkte ihn als politisch motiviert lesen.

Das Drama in zwei Zeilen

Powell 2019: preemptiver Cut – aus Unabhängigkeit.

Warsh 2026: preemptiver Cut – unter politischem Beschuss.

Dieselbe Handlung. Dieselbe ökonomische Logik. Völlig anderer institutioneller Kontext.

Film ab!

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