9:0 GEGEN ÖSTERREICH – AUF DEM EIS. UND IM TOURISMUS?

9:0. Deutlicher kann man einen Rivalen nicht abfertigen. Die Schweizer Eishockey-Nati hat Österreich an der WM vorgeführt. Die Buchmacher hatten den Sieg erwartet, das konnte man an der Wettquote ablesen. Eine Quote, die auf Tausenden von Datenpunkten basiert: aktuelle Form, Verletzungen, Teamtiefe, Heimvorteil. Alles wird mit komplexen Modellen und Algorithmen verdichtet zu einer einzigen Zahl. Aber was, wenn man dieselbe Frage im Tourismus stellt? Wie steht die Schweiz gegen Österreich in punkto Wettbewerbsfähigkeit der Tourismusdestinationen? Genau das misst der BAK Tourism Destinations Competitiveness Index – kurz TDCI. Und es geht dabei deutlich enger zu als auf dem Eis.

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Wie misst man die künftige Wettbewerbsfähigkeit einer Tourismus-Destination?

Direkt beobachten kann man sie nicht. Man kann aber sehr viele Aspekte der Destination messen, die Signalcharakter haben: Übernachtungszahlen, relative Preise, Angebotsstruktur, Gästebewertungen, saisonale Ausgewogenheit, Betriebsgrössen, Gästestruktur und Herkunftsmärkte, Aufenthaltsdauer.

Zusammen erzählen diese Daten Geschichten, und anhand von Datenmodellen können diese verdichtet werden. Das Destillat daraus ist der TDCI – ein Index, dessen Mittelwert über alle 240 alpinen Destinationen – aus der Schweiz, Österreich, Deutschland, Frankreich und Italien –bei 100 liegt. Wer darüber liegt, ist überdurchschnittlich wettbewerbsfähig. Wer darunter liegt, hat Aufholbedarf. Zehn Indexpunkte entsprechen einer Standardabweichung.

Exzellente Top-Destinationen und grosse Disparitäten

Schauen wir auf die Ergebnisse des TDCI 2026, fällt als erstes auf, dass die Schweiz 8 der Top-10-Destinationen im gesamten Alpenraum stellt, auf dem Siegertreppchen sind ausschliesslich Schweizer Destinationen. Ein Gütesiegel für exzellente Wettbewerbsfähigkeit!

Gleichzeitig sind aber auch 8 Schweizer Destinationen unter den bottom-10 vertreten. Die Streuung im Schweizer Portfolio ist deutlich grösser als im Ausland. Wir spielen Champions League und Superleague gleichzeitig – im selben Land, im selben Kanton.

Der Gesamtdurchschnitt der Schweiz liegt mit 99.4 knapp unter dem Alpenraum-Schnitt. Eine Handvoll Leuchttürme, die über allem strahlen – und dahinter eine grosse Zahl von Destinationen, die ihr Potenzial noch nicht ausschöpfen.

Drei Hebel für mehr Wertschöpfung pro Gast

Der TDCI zeigt, wo die Stärken und Schwächen der Destinationen liegen. Aus der Portfolioanalyse heraus können wir drei Hebel kondensieren, die für die Steigerung der Wertschöpfungsintensität zahlreicher Destinationen besonders relevant sind.

Hebel 1: Ertragskraft steigern: 43% der Schweizer Destinationen sind sogenannte «Aufsteiger» – Destinationen mit überdurchschnittlichem Nachfragewachstum, aber unterdurchschnittlicher Ertragskraft. Das Wachstum ist da. Es wird nur noch nicht in Wertschöpfung verwandelt.

Hebel 2: Aufenthaltsdauer verlängern: Gäste in österreichischen Destinationen bleiben im Schnitt rund einen Tag länger als in der Schweiz. Längere Aufenthalte senken die Fixkosten pro Gast und erhöhen direkt die Profitabilität. Gepaart mit der unterdurchschnittlichen Ertragskraft belastet die niedrige Aufenthaltsdauer die Profitabilität doppelt. Umgekehrt steigern höhere Preise den Ertrag pro Nacht – und eine längere Aufenthaltsdauer senkt die Fixkosten pro Gast. Wer beides hat, maximiert die Ertragsintensität. Nur 7% der Schweizer Destinationen liegen bei beiden Kategorien über dem alpinen Durchschnitt.

Hebel 3: Ganzjahresattraktivität ausbauen: Nur 26% der Schweizer Destinationen sind in beiden Saisons überdurchschnittlich attraktiv. Wer Sommer und Winter bedient, optimiert die Auslastung und verbessert die Kostenstruktur – und schafft Stammgäste. Stammgäste, die direkter buchen, länger bleiben, preistoleranter sind und weiterempfehlen.

Alle drei Hebel zahlen auf dasselbe Ziel ein: die Wertschöpfungsintensität pro Gast steigern.

Archetypische Erfolgsmodelle

Die zweidimensionale Portfolioanalyse ist zu reduziert, um daraus konkrete Strategien abzuleiten. Hierfür braucht man Erfolgsmodelle, an denen man sich ausrichten kann. Wir haben nach Mustern in den Daten gesucht. Nach Destinationen, die ähnliche Stärken und Schwächen teilen – und daraus gelernt, welche Kombinationen wirklich funktionieren. Mittels einer Clusteranalyse haben wir vier archetypische Erfolgsmodelle destilliert:

  • Erstens Premium-positionierte Destinationen mit hohen Preisen und Ertragskraft sowie langer Aufenthaltsdauer. Hierzu gehören bspw. Zermatt, St. Moritz oder Verbier.
  • Zweitens Markenstarke Volumendestinationen mit hoher Marktpräsenz, starke Nachfrage, breitem Angebot und guter Erreichbarkeit wie bspw. Interlaken oder Luzern
  • Drittens Ganzjahres- und Resilienzregionen, die sich durch geringe Saisonalität, hohe Stabilität und starke Aktivitätsbasis sowie lange Aufenthaltsdauer auszeichnen. Hierzu gehören bspw. Grindelwald, Arosa, oder Davos
  • Viertens aufstrebende Qualitätsdestinationen, die sich durch Qualität und Attraktivität auszeichnen und weiteres Wertschöpfungs- und Entwicklungspotenzial haben. Beispiele hierfür sind Engelberg oder Lenk.

Es gibt klare Muster, die sich bewähren. Und für jede Destination lässt sich datenbasiert bestimmen, welchem Archetyp sie am nächsten ist – und welche Erfolgsfaktoren entscheidend sind.

Strategische Positionierung mit Daten und Analyse fundieren

Was leistet unsere Analyse für einzelne Destinationen? Zunächst ersetzt sie die Frage «Wie gut bin ich?» durch die viel nützlichere Frage: «Wie gut bin ich – verglichen mit Destinationen, die dieselbe Ausgangslage haben wie ich?»

Das ist der Unterschied zwischen einem Ranking und einer echten strategischen Standortbestimmung.

Und diese zeigt nicht nur, wo man steht – sondern auch:

  • wo die relevanten Wachstumsmärkte sind
  • wo konkrete Handlungsfelder bestehen
  • welche Hebel in meinem Archetyp den grössten Effekt haben
  • wo andere mit ähnlichem Profil bereits erfolgreiche Wege gegangen sind

Aus der Perspektive einer Destination stellen sich heute die Fragen: 

  • habe ich die richtigen Daten,
    um mich systematisch mit den relevanten Wettbewerbern vergleichen zu können?
  • habe ich die richtigen Kompetenzen und Tools,
    um aus den Daten jene Insights zu destillieren, die mir erlauben, einen Wettbewerbsvorsprung zu erlangen?

Umsetzung in der Praxis

Selbst unter den professionellsten Destinationsmanagern hat sich systematisches Benchmarking und datenbasierte Intelligence noch nicht durchgesetzt, auch wenn bereits in vielen Teilbereichen Daten ausgewertet werden. Und es gibt zahlreiche Destinationen, die hier noch ganz am Anfang stehen. Angesichts der Beschleunigung des internationalen Wettbewerbs besteht aber gerade dort dringender Handlungsbedarf. Doch manchen fehlt es an finanziellen Ressourcen, anderen an den Kompetenzen, eigene komplexe Datenmodelle zu unterhalten.

Genau hier setzt das neue BAK Tourism Intelligence Dashboard an: ein strukturierter Blick auf die eigene Marktposition, verglichen mit über 250 Destinationen aus fünf Alpenländern. Stärken und Schwächen im Peer-Vergleich, Chancen und Risiken, strategische Optionen – alles auf einen Blick. Damit eine Destination sinnvoll vergleichen, von den Besten lernen, evidenzbasiert priorisieren und wirkungsvoll handeln kann.

 

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