Die Kritik an der «Bilateralen-Studie» (Studie diskutiert damals im Blog VALUE AT RISK) folgt häufig einem seltsamen Muster: Weil gewisse Effekte nicht perfekt kausal isoliert gemessen werden können, sollen sie plötzlich nicht existieren. Das ist ungefähr so logisch, wie Wind zu leugnen, weil man ihn nicht direkt sieht. Zudem wird eine Analyse der Kosten plötzlich als Kosten/Nutzen-Analyse interpretiert.
Der „systemische Effekt“: nicht sichtbar, aber sehr real
Der zentrale Angriffspunkt lautet: Der systemische Effekt – also der Effekte der Unsicherheit aus dem Vertragslosen und potenziell konfrontativen Zustand – sei „nicht etabliert“, „arbiträr“, „nicht belastbar quantifizierbar“.
Interessant daran ist weniger die Kritik selbst als die implizite Annahme dahinter: Dass stabile institutionelle Beziehungen keinen Einfluss auf Investitionen, Innovation oder Standortattraktivität hätten.
Das wäre eine bemerkenswerte These.
Denn die Realität der letzten Jahre spricht eine andere Sprache. Die EU machte bereits mehrmals den Trump: Die Schweiz verlor die Börsenäquivalenz. Der Zugang zu Horizon wurde eingeschränkt. Der systemische Effekt aus der Konfrontation ist also kein Modellphantom. Sondern gelebte Realität.
Natürlich bleibt die Quantifizierung unsicher. Das sagt die Studie explizit. Aber Unsicherheit ist nicht gleichbedeutend mit Null. Genau hier wird die Kritik teilweise überdehnt.
Ökonomen arbeiten ständig mit Grössen, die man nicht direkt beobachten kann: Erwartungen, Vertrauen, Risikoaufschläge oder Produktivität. Niemand sieht sie direkt. Man sieht ihre Konsequenzen.
Ironischerweise liefern die aktuellen Trump-Zölle gerade ein globales Echtzeitexperiment dazu. Unternehmen verschieben Investitionen, ordnen Lieferketten neu und überprüfen Standorte, lange bevor alle Massnahmen überhaupt vollständig umgesetzt sind. Genau solche Friktionen sind gemeint.
„Das Wachstum kommt nur von den Zugewanderten“
Ein weiterer Kritikpunkt lautet sinngemäss: Das zusätzliche Wachstum sei hauptsächlich dem zusätzlichen Einkommen der Zugewanderten selbst geschuldet. Der Wohlstand der ansässigen Bevölkerung profitiere kaum.
Statistisch ist dieser Einwand zunächst nicht falsch. Mehr Menschen erzeugen mehr Produktion.
Deshalb arbeitet die Studie aber eben nicht nur mit dem BIP, sondern mit dem BIP pro Kopf. Und dort bleibt der Effekt erheblich.
Bis 2045 ergibt sich laut Studie ein Niveauverlust von 4.7 Prozent. Das entspricht rund CHF 5’200 pro Person in einem einzelnen Jahr beziehungsweise kumuliert CHF 45’700 über den gesamten Zeitraum. Das ist ein struktureller Wachstumsverlust.
Besonders interessant ist dabei der Grenzgänger-Einwand. Kritiker weisen korrekt darauf hin, dass Grenzgänger Schweizer BIP erzeugen, aber teilweise im Ausland wohnen und konsumieren.
Methodisch stimmt das.
Ökonomisch bleibt ihr Beitrag trotzdem real. Grenzgänger zahlen Sozialversicherungsbeiträge, erhöhen die Produktivität von Unternehmen und ermöglichen Wertschöpfung, die sonst schlicht nicht stattfinden würde.
Genau das misst das BIP.
Das BIP ist kein perfektes Wohlfahrtsmass. Es misst weder Verteilung noch Lebensqualität. Aber es bleibt aus gutem Grund die international gebräuchliche Referenzgrösse wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit.
Alternativen wie das Bruttonationaleinkommen lösen das Problem nicht. Sie verschieben lediglich die Perspektive. Das BNE misst Einkommen nach Staatsangehörigkeit statt nach Produktionsort und blendet damit systematisch Teile der tatsächlich in der Schweiz erbrachten Wertschöpfung aus.
Doch die Bilateralen sind kein Staatsbürgerabkommen.
Sie sind ein Standortabkommen.
Infrastrukturkosten: berechtigter Einwand
Ja, Zuwanderung erzeugt Infrastrukturkosten. Verkehr. Wohnraum. Bildung. Teilweise Lohndruck.
Die Studie bildet diese Kosten nicht ab.
Das ist korrekt. Es war auch nicht das Ziel der Studie.
Die Analyse untersucht den Value at Risk eines Wegfalls der Bilateralen. Sie ist keine vollständige Wohlfahrtsrechnung der Personenfreizügigkeit.
Die Studie beantwortet nicht eine Frage, die sie nie gestellt hat
Ein weiterer Vorwurf lautet, positive Externalitäten oder institutionelle Kosten der Bilateralen III seien nicht belastbar quantifiziert.
Das stimmt ebenfalls.
Nur beantwortet die Studie auch gar nicht die Frage, ob die Bilateralen III insgesamt „gut“ oder „schlecht“ sind.
Sie beantwortet eine deutlich spezifischere Frage: Was kostet ein ersatzloser Wegfall der Bilateralen I ab 2028?
Nicht mehr. Aber eben auch nicht weniger.
Administrative Kosten, dynamische Rechtsübernahme oder Souveränitätsfragen sind reale politische Themen. Sie gehören in die Debatte. Ihre Quantifizierung steht teilweise aus.
Wer jedoch aus einer klar definierten Risikoanalyse ein vollständiges Gesamturteil über die Bilateralen III machen will, kritisiert letztlich nicht die Methodik, sondern den Untersuchungsgegenstand.
Informationen strukturiert nutzen
Ökonomische Modelle sind keine Kristallkugeln. Sie sind Werkzeuge, um unter Unsicherheit strukturiert nachzudenken.
Und sie liefern nur Antworten auf Fragen, die wir tatsächlich stellen.
Genau dafür wurden sie gebaut.
Wir sollten sie nutzen für eine informierte Entscheidung.
