„Das beste Mittel gegen hohe Preise sind hohe Preise.“ Der Mechanismus ist trivial: Nachfrage runter, Angebot rauf. Der Preis stabilisiert sich.
Die Realität ist langsamer. Anpassung kostet Zeit, Kapital und politische Stabilität. Die Friktionen sind asymmetrisch verteilt.
Derzeit sind die Friktionen vor allem im Osten spürbar. Das meiste Öl über die Strasse von Hormus geht nach Asien. Indien hat die Industriegasversorgung rationiert, damit Haushalte noch kochen können und in Südostasien wurden verbreitet Homeoffice-Empfehlungen ausgegeben, um den Treibstoffverbrauch zu senken.
Auch die Weltwirtschaft insgesamt ist anpassungsfähiger als früher: Industrie, Transport und Logistik brauchen strukturell weniger Öl pro Einheit Wirtschaftsleistung als noch vor zwanzig Jahren.
Arbitrage ist keine Nebenerscheinung, sondern der Mechanismus
Doch auch auf der Angebotsseite beginnt der Markt zu spielen – und hier liegt der Kern des Arguments.
In den USA sind die Inlandspreise gestiegen. Trump hat – für einmal – nicht ganz Unrecht, wenn er bemerkt, dass Öltanker nun verstärkt amerikanische Häfen ansteuern. Das ist pure Rohstoffhändler-Logik: Öl günstig einkaufen, teuer verkaufen. Genau das ist die Funktion, die der internationale Rohstoffhandel erfüllt
Die Schweiz sitzt im Zentrum dieses Systems. Rund ein Drittel des globalen Rohölhandels läuft über hiesige Akteure. Wertschöpfung im zweistelligen Milliardenbereich: Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) erwirtschaftete die Branche 2024 eine Wertschöpfung von 19.2 Milliarden Franken – fast so viel wie der Tourismus. Es ist eine Branche, die in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich unter ihrem wirtschaftlichen Gewicht fliegt.
Diese Arbitrage – günstiges Öl aus dem Osten kaufen, teuer in den Westen verkaufen – hat eine unmittelbare Konsequenz: Die Lieferketten stellen sich um, die Preise gleichen sich an. Was heute billiger im Osten war, wird morgen teurer im Westen. Das ist ökonomisch effizient, aber politisch explosiv.
Der Zunder wächst täglich
Die Lager im Westen werden gerade abgebaut, um von den höheren Preisen im Osten zu profitieren. Wenn dieser Zustand anhält, werden diese Lager irgendwann teurer wieder aufgefüllt werden müssen. Die amerikanische Feriensaison, die europäische Heizperiode – beides könnte überproportional teurer ausfallen, wenn sich der Zustand festigt.
Damit wächst täglich der Zunder für Preissteigerungen, die nicht nur grösser, sondern auch breiter global abgestützt wären. Und das ist der Übergang vom Energie- zum Inflationsproblem.
Energie ist der Vorlauf der Nahrungsmittelpreise
Nahrungsmittel sind das Bindeglied, das hier am meisten unterschätzt wird. Dünger ist Energie. Produktion ist Energie. Transport ist Energie. Wenn Energie teurer wird, werden Nahrungsmittel teurer. Und teure Nahrungsmittel sind nicht nur unsozial – sie waren historisch einer der stärksten Treiber von Zweitrundeneffekten, also von Lohnforderungen und Lohn-Preis-Spiralen. Nahrungsmittelpreise sind für die Preiswahrnehmung der Bevölkerung ausserordentlich wichtig – jeder kauft Brot, nicht jeder kauft ein Auto. Der psychologische Effekt auf Inflationserwartungen ist überproportional.
Inflation ist gefährlich für Despoten – und für Trump
Die Inflationsgefahr ist zweischneidig.
Einerseits steigt das Risiko real. Andererseits erzeugt es Druck auf die politischen Akteure. Inflation ist gefährlich für Despoten. Ich wage als Ökonom zu behaupten, dass die Unruhen im Iran Anfang dieses Jahrzehnts nicht zuletzt durch hohe Inflation und den massiven Wertverlust des Rial ausgelöst wurden. Auch wenn das iranische Regime sicherlich bereit ist, das Volk leiden zu lassen – irgendwo gibt es eine Grenze.
Für Trump wiederum ist die Inflationsfrage existenziell: Er rollt in diesem Jahr rund 8 Billionen Dollar an Schulden um, die während Covid zu historisch tiefen Zinsen aufgenommen wurden. Steigende Inflationserwartungen verteuern diese Refinanzierung massiv. Und «Kaufkraft erhalten» war sein zentrales Wahlversprechen. Die Midterms gewinnt man nicht mit hoher Inflation.
Das Chicken-Game und seine Logik
Je höher der Einsatz im geopolitischen Chicken-Game, desto wahrscheinlicher wird paradoxerweise eine Einigung – ein Standoff, der die Preise wieder sinken lässt. Allerdings nicht auf das Niveau vor dem Krieg. Tankerversicherungen sind dauerhaft teurer. Das Umrouten der Schiffe kostet. Die Infrastruktur ist an die neuen Realitäten angepasst worden, und das lässt sich nicht einfach rückabwickeln.
Eine positive Lehre zum Schluss
Und doch: Aus der Ukraine-Krise 2022 wurden Lehren gezogen. Damals verschlimmerte der finanzielle Stress unter Energiehändlern die Lage erheblich – Margin Calls und zu wenig Liquidität trieben die Volatilität in die Höhe. Davon ist derzeit nichts zu spüren. Es scheint, als habe die Branche gelernt, mit politischen Manövern dieser Grössenordnung professioneller umzugehen.
Die Wirtschaft kann Unsicherheit. Sie ist damit aber nicht produktiv – und sicherlich nicht sozial.
