FÜR RISIKEN UND NEBENWIRKUNGEN LESEN SIE BAK-STUDIEN

Im Januar stand hier eine nüchterne Diagnose: Der Schweizer Bankenmarkt funktioniert auch nach dem Wegfall der Credit Suisse. Aber er ist enger geworden. In einzelnen, für Innovation zentralen Funktionen fehlt Redundanz. Das System trägt – aber mit weniger Puffer. Seither ist die regulatorische Debatte weitergegangen. Ziel ist klar: Ein zweiter Fall wie bei der Credit Suisse soll verhindert werden. Der Preis dafür ist nicht null. Die relevante Frage ist nicht ob Kosten entstehen, sondern wie hoch sie sind und ob sie durch die konkrete Ausgestaltung minimiert werden.

Share This Post

Der Bundesrat setzt bei den Eigenmitteln an. Konkret: Beteiligungen an ausländischen Tochtergesellschaften sollen vollständig vom harten Kernkapital (CET1) abgezogen werden. In der Praxis betrifft das eine einzige Bank: die UBS. Die letzte global tätige Schweizer Grossbank. Laut unserer CFO-Umfrage die einzige, die in vielen Segmenten als vollwertige Alternative zur Credit Suisse wahrgenommen wird.

Damit stellt sich eine einfache, aber unbequeme Frage: Was kostet diese Form von zusätzlicher Sicherheit – gemessen in Franken, für die Gesamtwirtschaft?

Wir haben das im Auftrag der UBS untersucht. Mandat und Umsetzung sind getrennt. Das gehört zur Einordnung.

Was auf dem Tisch liegt

Die Vernehmlassung zur Eigenmittelverordnung sieht einen vollständigen CET1-Abzug für ausländische Beteiligungen vor, mit sieben Jahren Übergangsfrist. Gemäss dem Gutachten von Alvarez & Marsal entsteht daraus eine Kapitallücke von rund USD 23 Mrd. Jährliche Mehrkosten: USD 1.3 Mrd. Die UBS selbst liegt höher. Wir rechnen mit der tieferen Zahl.

Konservativ.

Drei Kanäle, gleichzeitig

Was macht eine Bank mit solchen Mehrkosten? Die ehrliche Antwort: Man weiss es nicht genau. Es gibt drei Kanäle, die in der Realität gleichzeitig wirken.

Erstens Preise. Höhere Kapitalkosten werden teilweise auf Kreditzinsen überwälzt. Investitionen reagieren zuerst. Wohnbau folgt. Konsum später.

Zweitens Mengen. Kreditangebot schrumpft in Segmenten, die kapitalintensiv sind oder wenig Skaleneffekte haben. Nicht aus Absicht, sondern aus Kalkül. Gleichzeitig sind Alternativen begrenzt. Inlandbanken haben strukturelle Refinanzierungsrestriktionen, Auslandbanken verhalten sich in Stressphasen prozyklisch. Das Muster ist bekannt.

Drittens Standort. Schweizer Banken profitieren von strukturell tiefen Refinanzierungskosten. Diese hängen am internationalen Vermögensverwaltungsgeschäft und an Kapitalzuflüssen. Wird die internationale Wettbewerbsfähigkeit geschwächt, verschwindet dieser Vorteil schrittweise.

Diese drei Effekte addieren sich nicht. Sie verstärken sich.

Was das Modell daraus macht

Die drei Kanäle werden als Schocks in das BAK-Makromodell eingespeist. Ein simultan gelöstes System mit Güter-, Arbeits-, Kapital- und Finanzmärkten. Ergebnis: keine Punktzahl, sondern Bandbreite.

  • Mild: CHF 11 Mrd. kumulierter BIP-Verlust über zehn Jahre. Rund 2’200 Stellen weniger.
  • Ausgeprägt: CHF 28 Mrd. Rund 6’300 Stellen weniger.
  • Stress: CHF 34 Mrd. Bis zu 8’000 Stellen im Verlauf.
  • Steuerausfälle: CHF 2.1 bis 6.4 Mrd.

Einordnung der Grössenordnung:

  • Die kumulierten BIP-Verluste bewegen sich im Bereich der Gesamtkosten des Baus der NEAT (rund CHF 24 Mrd.) bzw. des geplanten Ausbaus der Armee über 10 Jahre (rund CHF 31 Mrd).
  • Die fiskalischen Effekte liegen im Stressszenario über dem Volumen des Entlastungspakets 27 (CHF 5.3 Mrd. über drei Jahre).

Der dominante Kanal sind Investitionen. Nicht Konsum. Das Muster entspricht einem strukturellen Kreditschock. Unterschied zur Geldpolitik: Ein Leitzins lässt sich zurückdrehen. Regulierungskosten nicht.

Wer es trifft

Nicht die breite KMU-Basis. Sondern Unternehmen, die kapitalintensive, internationale Finanzdienstleistungen nutzen: Konsortialkredite, Emissionen, Global Custody, Trade und Export Finance.

Diese Firmen sind überdurchschnittlich produktiv und innovationsstark. Patentquoten ein Mehrfaches des Durchschnitts. Genau hier wirken Kreditrestriktionen überproportional.

Das Modell rechnet mit Durchschnittswerten. Es unterschätzt damit systematisch die Effekte an der Spitze der Wertschöpfung.

Gerade im Exportgeschäft ist die Substituierbarkeit gering. Internationale Netzwerke lassen sich nicht kurzfristig replizieren. Fällt ein Anbieter weg oder verteuert sich, entsteht keine symmetrische Lücke – sondern Reibung.

Was die Studie nicht macht

Sie quantifiziert Kosten. Sie quantifiziert nicht den Nutzen zusätzlicher Stabilität.

Das ist keine Auslassung, sondern die Fragestellung. Stabilitätsgewinne, Systemrisiken, Alternativen im Instrumentenkasten – all das bleibt ausserhalb dieses Rahmens.

Wer aus der Studie ein Gesamturteil ableitet, überschreitet den Gegenstand. Wer sie ignoriert, verzichtet auf eine relevante Seite der Rechnung.

Was bleibt

Nach dem Wegfall der Credit Suisse ist der Markt konzentrierter. Die funktionale Redundanz ist geringer. In dieses System greift die vorgeschlagene Massnahme ein.

Die Grössenordnung ist nun klar: CHF 11 bis 34 Mrd. weniger BIP über zehn Jahre. Tausende Stellen. Milliarden an Steuereinnahmen.

Das ist keine Aussage gegen Regulierung. Es ist eine Aussage über ihre Ausgestaltung.

Stabilität ist kein binäres Ziel. Sie ist das Ergebnis eines Zielkonflikts. Jede zusätzliche Sicherheit hat Opportunitätskosten.

Die offene Rechnung besteht aus zwei Seiten. Diese Analyse liefert eine davon.

More To Explore