Am Anfang stand eine Frage: Wie können wir die Regulierungsbelastung von Unternehmen messen?
Das Problem: Die Spur der Regulierung verliert sich im Laufe der Wirkungskette
Um zu verstehen, warum die Messung so schwierig ist, lohnt sich ein Blick auf den Prozess, der von einer einzelnen Regulierung bis zu ihren makroökonomischen Auswirkungen führt.
Am Ursprung steht immer eine Pflicht, die ein Unternehmen erfüllen muss und die in einem Rechtsakt festgehalten ist. Daraus folgen konkrete Handlungen: ein Eintrag im Handelsregister, eine Mehrwertsteuerabrechnung, vielleicht sogar die Anschaffung einer neuen Maschine. Diese Dinge kosten Zeit und Geld – und sie haben Opportunitätskosten. Sie schlagen sich in der Buchhaltung des Unternehmens nieder, vermischt mit einer Vielzahl anderer Faktoren. Regulierungsbedingte Ausgaben lassen sich kaum systematisch von nicht regulierungsbedingten Ausgaben trennen. Spätestens auf gesamtwirtschaftlicher Ebene verlieren sich die Spuren der einzelnen Regulierungen.
Unser Ansatz: zurück zum Ursprung
Wenn man etwas verstehen will, ist es oft gut, zu den Ursachen zurückzukehren. Also gingen wir an den Ursprung – zur Regulierung selbst.
Am Ursprung stellt sich also die Frage: Wie viele Pflichten müssen Unternehmen eigentlich überhaupt erfüllen?
Das ist ein Fall für unsere KI- & Technologie-Abteilung. Das Modell- & Technologieteam rund um Dr. Andreas Streich hat zunächst alle Gesetze und Verordnungen auf Bundesebene seit 2005 eingelesen und aufbereitet. Anschliessend wurde mittels eines KI-basierten Sprachmodells (LLM) ein Modell entwickelt, das alle Pflichten für Unternehmen aus diesen Texten extrahieren und kategorisieren kann.
Die eigentliche Knacknuss: Was ist überhaupt eine «Pflicht»?
Klingt einfacher, als es ist. Zwei Beispiele, die das Problem gut veranschaulichen:
Ein Bergführer hat eine Sorgfaltspflicht gegenüber seinen Kunden – er muss Massnahmen für ihre Sicherheit treffen. Ist das eine Pflicht, die Aufklärung über Gefahren, die Prüfung des Leistungsvermögens und die Beurteilung der Wetterbedingungen umfasst? Oder sind das drei separate Pflichten?
Oder: Wenn ein Artikel vorschreibt, dass ein Benutzerhandbuch in allen Landessprachen vorliegen muss – ist das eine Präzisierung der Pflicht, ein Handbuch beizulegen? Oder eine eigenständige Pflicht?
Gesucht war eine Definition, die gleichzeitig vier Anforderungen erfüllt:
- Unternehmerische Realität: Eine Pflicht soll alles sein, was für ein Unternehmen Aufwand bedeutet.
- Sensitivität: Wir wollen Entwicklungen zeigen – also möglichst granular erfassen.
- Sauberkeit: Klare Regeln für das Modell, wann etwas eine oder zwei Pflichten sind.
- Verständlichkeit: Eine Definition, die auch für ein öffentliches Publikum nachvollziehbar ist.
Kurz: Konzeptuelle Konsistenz, technische Umsetzbarkeit, wissenschaftliche Aussagekraft und Kommunikationstauglichkeit mussten unter einen Hut gebracht werden.
Unser Prozess: Iterativ vorgehen
Wir wählten ein iteratives Vorgehen: Definition erarbeiten, anhand von ausgewählten Beispielregulierungen testen, von Hand auswerten, vergleichen, anpassen – und wieder von vorne beginnen.
Dabei ist uns etwas Interessantes aufgefallen: Selbst bei vermeintlich klaren Definitionen kommen verschiedene Menschen zu sehr unterschiedlichen Zählungen. Hier bietet die KI einen echten Vorteil – nicht nur wegen der Geschwindigkeit und der Skalierbarkeit, sondern vor allem wegen der Konsistenz: Sie wendet die vorgegebenen Auslegungsregeln in jedem Fall gleich an und gewährleistet so eine robuste Vergleichbarkeit über die Zeit, zwischen Rechtsbereichen und Gesetzgebungen.
Das haben wir auch empirisch getestet, indem wir verschiedene Modelle auf dieselben Texte angewendet haben. Zwar gibt es Unterschiede bei der Identifikation einzelner Pflichten – aber die Resultate konvergieren, je mehr Pflichten ein Text enthält. Auf aggregierter Ebene sind die Ergebnisse damit sehr verlässlich.
Publiziert – und eigentlich erst am Anfang
Nach einem halben Jahr Arbeit sind die Daten nun auf dem Dashboard und öffentlich zugänglich. Das klingt nach einem Abschluss. Aber eigentlich ist es erst der Anfang.
Was wir entwickelt haben, ist eine objektive, datenbasierte Kartographie der Regulierungslandschaft auf Bundesebene. Das Monitoring zeigt, wo es grosse Veränderungen gab und wo es sich lohnt, genauer hinzuschauen. Vor allem aber ist es eine robuste Basis für viele spannende Weiterentwicklungen.
Durch das Monitoring entstehen viele neue Fragen: Wie hoch ist der Aufwand für Unternehmen, um all diese Pflichten zu erfüllen? Welche Unternehmen sind in welchem Mass betroffen?
Der Weg hat gerade erst begonnen – und wir sind gespannt, wohin er uns führt.
