IRAN, RISIKEN UND PROGNOSEN

Ökonomische Prognosen haben eine bemerkenswerte Eigenschaft: In dem Moment, in dem sie entstehen, wirken sie oft überzeugend. Sie basieren auf Daten, Modellen und plausiblen Argumenten. Rückblickend wirken sie dann erstaunlich oft wie Momentaufnahmen einer Welt, die es so nicht mehr gibt.

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Wer sich mit Inflation und Zinsen beschäftigt, kennt dieses Muster gut. Kaum ein anderes Feld illustriert so deutlich, wie rasch scheinbare Gewissheiten kippen können.

Vor wenigen Jahren dominierte die These „High for longer“. Viele renommierte Institutionen argumentierten, dass Inflation und Zinsen strukturell höher bleiben würden. Deglobalisierung, demografischer Wandel, geopolitische Spannungen und eine expansivere Fiskalpolitik schienen eine neue Ära einzuleiten.

Nur einige Jahre zuvor war der Konsens genau gegenteilig. „Low for longer“ galt damals als nahezu unumstössliche Realität. Alternde Gesellschaften, hohe Sparquoten, Globalisierung und technologische Fortschritte sollten dauerhaft für tiefe Inflation und tiefe Zinsen sorgen. Die Argumente waren ebenso fundiert – und die Institutionen, die sie vorbrachten, ebenso renommiert.

Und selbst dieses Pendel begann sich zuletzt erneut zu bewegen. Noch vor Kurzem wurde wieder verstärkt über Zinssenkungen und das Ende der Inflation diskutiert. Künstliche Intelligenz, Produktivitätsgewinne und strukturelle Disinflation schienen erneut ein Umfeld dauerhaft tiefer Zinsen zu plausibilisieren.

Dann genügt manchmal ein einziges geopolitisches Ereignis, um das Narrativ erneut zu verschieben. Der Krieg im Iran bringen offensichtlich neue Inflationsrisiken ins Spiel: steigende Energiepreise, unterbrochene Lieferketten, erhöhte geopolitische Unsicherheit.

Wie geht es weiter?

Die ehrliche Antwort lautet jedoch: Niemand weiss, wohin sich diese Dynamik letztlich entwickeln wird. Der Ausgang eines Krieges ist praktisch nicht prognostizierbar.

Sicher ist: Höhere Energiepreise können die Inflation nachhaltig nach oben treiben. Massive staatliche Ausgaben – etwa für Verteidigung – ebenfalls. Gleichzeitig können Kriege wirtschaftliche Aktivität bremsen: Unsicherheit steigt, Kaufkraft sinkt, Investitionen werden aufgeschoben. Der Gaspreisschock nach dem russischen Angriff auf die Ukraine zeigte, wie rasch solche Effekte ganze Industrien in Europa unter Druck setzen können.

Risikomanagement bedeutet deshalb vor allem eines: mit widersprüchlichen Szenarien gleichzeitig zu leben.

Ein Umfeld höherer Inflation und höherer Zinsen gehört ebenso auf die Agenda wie ein Szenario erneut sehr tiefer Zinsen. Beide Entwicklungen lassen sich mit plausiblen ökonomischen Mechanismen begründen. 

Was bedeutet das für die Schweiz?

Schweizer Prognostikern kommt in einem solchen unsicheren Umfeld immerhin eine Besonderheit zugute. Mehrere strukturelle Faktoren wirken in Krisenzeiten dämpfend auf Inflation und Zinsen: die Aufwertung des Frankens, dadurch günstige Importpreise in Landeswährung sowie regulatorisch bedingt eine vergleichsweise stabile Preisentwicklung bei Energiepreisen. Inflation und Zinsen bleiben demnach ziemlich sicher hierzulande tiefer als im Ausland. 

Gerade deshalb wird auch ein Szenario erneut negativer Zinsen hierzulande realistischer, obwohl die SNB die Hürden dafür hoch angesetzt hat, – etwa dann, wenn eine konjunkturelle Abschwächung in Europa stärker wirkt als globale Inflationsimpulse.

Fazit:

Die eigentliche Lehre aus der aktuellen Situation ist banal und gleichzeitig unbequem: Prognosen bleiben notwendig. Ohne sie lässt sich keine wirtschaftliche Entscheidung treffen.

Doch sie sollten immer mit einer Portion Demut verfasst und gelesen werden. 

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