WAS KOMMT ALS NÄCHSTES?

Im BAK-Live-Webinar letzte Woche habe ich aufgezeigt, warum es spieltheoretisch am wahrscheinlichsten ist, dass es rund um Grönland nicht zu einer Eskalation kommt. Wenige Stunden später trat diese Prognose tatsächlich ein.Das ist kein Grund, sich zu feiern. Aber ein guter Grund, das Instrument weiter zu nutzen: Spieltheorie zwingt zu klaren Annahmen und sauberer Analyse.

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Nach rund einem Jahr Trump wird eines ziemlich sichtbar: Es gibt ein Muster, zumindest an den Finanzmärkten. 

Und dieses Muster hat einen Namen bekommen, den man nicht mehr aus dem Kopf kriegt: der «TACO-Zyklus»: Trump Always Chickens Out.

Der Ablauf wirkt fast mechanisch:

Provokation → Reaktion der Finanzmärkte → Rückzug → Erholung → Erfolgsmeldung

Das ist politisch attraktiv, weil es zwei Dinge kombiniert:

1. maximale Aufmerksamkeit (die Provokation)

2. maximale Rettung (das Comeback: „Seht her, ich habe es wieder unter Kontrolle“)

Spieltheoretisch nutzt sich dieser «TACO-Zyklus» aber ab

Wenn die Märkte antizipieren, dass Trump always chickens out, dann ist es rational, nicht zu verkaufen. 

Ohne Abverkauf gibt es keinen Einbruch.

Und ohne Einbruch gibt es auch keine Erholung – und damit weniger Showeffekt (und weniger Belohnung für Anhänger, die ihm vertrauen und kaufen).

Wer seinen Erfolg über „Ich habe die Märkte gerettet“ definiert, braucht zuerst Märkte, die gerettet werden müssen.

Wenn das Publikum aber nicht mehr kreischt, weil es den Trick kennt, muss der Zauberer entweder aufhören – oder den Trick gefährlicher machen.

Und genau dort stehen wir jetzt.

Zwei plausible Wege – ein identisches Resultat

Wenn die alte Strategie weniger Wirkung erzeugt, bleiben im Wiederholungsspiel zwei realistische Anpassungen.

1) Trump testet die Lethargie der Märkte: immer grössere Forderungen

In dieser Variante geht es weniger um Volatilität und mehr um Grenzverschiebung.

Das Muster wäre dann:

• Forderungen werden grösser

• Drohungen werden absoluter

• Zeitfenster werden kürzer

• Gegenleistung wird weniger verhandelbar dargestellt

Die Idee: herausfinden, wo die echte rote Linie ist.

Und wenn die Märkte nicht reagieren, wird das als Freipass interpretiert.

So funktioniert Eskalationslogik: Nicht der Widerstand bestimmt die Grenze, sondern dessen Abwesenheit.

Spieltheoretisch ist das ein Test der „Strategischen Geduld“ der Gegenseite.

2) Trump sucht Volatilität und das Comeback-Narrativ: härtere Provokationen für den gleichen Showeffekt

In dieser Variante geht es nicht um Grenzen, sondern um Bühne.

Wenn die Märkte abstumpfen, muss die Provokation stärker werden, um dieselbe Reaktion zu erzeugen:

• grössere Drohung

• grösserer Schock

• grösserer Einbruch

• grösseres Comeback

• grössere Erfolgsmeldung

Das ist die Logik von Medienaufmerksamkeit und „heroischen“ Charts:

Je höher der vorherige Peak, desto höher muss die nächste Welle sein.

Die politische Rendite entsteht nicht aus Stabilität, sondern aus dramatisierter Rettung.

Das Paradox: Zwei verschiedene Motive, ein identisches Ergebnis

Ob Trump nun…

• die Grenzen testen will

oder

• das Comeback inszenieren will

…das Resultat ist in beiden Fällen dasselbe:

Die Provokationen werden grösser, nicht kleiner.

Und das ist der Punkt, den viele unterschätzen:

Abnützung führt nicht zu Beruhigung – sondern zu Intensivierung.

Die Märkte glauben oft, Wiederholung bedeute „es passiert eh nichts“.

Spieltheorie sagt: Wiederholung zwingt zur Anpassung. Und Anpassung bedeutet häufig: mehr Einsatz, nicht weniger.

3) Und was ist mit „zäher wegen Midterms“?

Natürlich gibt es eine dritte Storyline: „Er wird zahmer, weil er Stimmen braucht.“

Das ist nicht unmöglich. Aber sie setzt voraus, dass:

• ökonomische Stabilität politisch stärker belohnt wird als Aufmerksamkeit

• die eigene Basis „weniger Drama“ als Erfolg wahrnimmt

• und dass der Akteur bereit ist, kurzfristig auf Narrative zu verzichten, um langfristig zu punkten

4) Und dann gibt es noch einen vierten Punkt

Das Handeln ist derart Impulsgesteuert, dass es schlicht nicht vorhersehbar ist. 

Ich bin gespalten zwischen allen vier Szenarien. In unserer Prognose unterstellen wir, dass die Unsicherheit (spricht die Provokation, aber auch TACO) 2026 auf dem gleichen Niveau bleibt wie letztes Jahr. Um möglichst viele Informationen zu erhalten, habe ich jüngst auf Linkedin eine Umfrage zu dem Thema durchgeführt 

Resultat der LinkedIn-Umfrage: Die Mehrheit setzt auf Unberechenbarkeit

Die Umfrage ist keine Prognosemaschine. Aber sie zeigt Erwartungsbildung – und Erwartungsbildung ist in Wiederholungsspielen zentral.

Provokation zum Grenzentesten: 35%

Provokation für TACO-Zyklus: 8%

Zahmer wegen Midterms: 19%

Nicht absehbar: 38%

Fazit:

Ich bin sicher, dass jede Leserin und jeder Leser seine eigene Einschätzung zu diesem Thema haben. Bei mir schwankt die Einschätzung sogar je nach Tagesform. 

Deshalb gilt: Denken in Szenarien ist wichtiger denn je!

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