Sicher ist: Die Zick-Zack-Zölle gehen weiter. Und wir wissen: Der unmittelbare Schaden entsteht weniger durch die angedrohten Prozentpunkte als durch den erneuten Sprung in politische Risiko- und Investitionsprämien. Unsicherheit ist Gift für Investitionen. Für 2026 ist in Europa vielerorts mit rückläufigen Investitionen zu rechnen, auch in der Schweiz.
Zölle sind zudem Sand im Getriebe des Welthandels. Bereits mit den aktuellen Sätzen dürfte der Welthandel 2026 schrumpfen. Sollten die angekündigten Stufen (10 % ab 1. Februar, Eskalation bis 25 % Richtung Sommer) umgesetzt werden, träfe dies grosse, stark vernetzte europäische Volkswirtschaften und würde die Konjunktur weiter dämpfen.
Denken in Szenarien
Mit unseren Modellen haben wir simuliert, was ein Zollaufschlag von 25 % auf Importe aus der EU und aus dem Vereinigten Königreich in die USA Wirtschaftlich bedeuten würde, unterstellt, dass EU und UK mit gleich hohen Gegenmassnahmen reagieren.

Die Simulation zeigt: Ein Zollkrieg um Grönland senkt das Wirtschaftswachstum in der Europäische Union, in den USA und im Vereinigten Königreich. Der Wachstumsverlust erreicht in den USA bis zu 0.4 Prozentpunkte. In der EU und im Vereinigten Königreich fällt er noch stärker und länger anhaltend aus, da dort das Wachstum stärker vom Aussenhandel abhängt, während es in den USA stärker durch Investitionen – insbesondere in KI – und durch den Konsum getragen wird.
Für beide Seiten steht viel auf dem Spiel. Wer gibt zuerst nach?
Diese Frage lässt sich nicht beantworten, aber einordnen. Entscheidend sind die Motive hinter der Eskalation.
Ein paar Fakten
Grönland gewinnt mit der globalen Erwärmung an strategischer Bedeutung. Die grösste Insel der Welt liegt absehbar an zentralen Transportwegen. Sie ist relevant für die Früherkennung von Raketenangriffen auf die USA, was die amerikanische Militärpräsenz erklärt – auch wenn diese in den letzten Jahren reduziert wurde. Ein vergleichbarer Fall aus der jüngeren Vergangenheit, allerdings mit umgekehrtem Vorzeichen: Am 3. Oktober 2024 erklärte sich das Vereinigtes Königreich bereit, die Souveränität über den Chagos-Archipel an Mauritius zu übertragen. Gleichzeitig behalten Grossbritannien und die USA vertraglich gesicherte Nutzungsrechte an der Militärbasis Diego Garcia für rund 99 Jahre. Operativ genügt das. Strategisch bleibt ein Restrisiko.
Zudem verfügt Grönland über bedeutende Bodenschätze, deren Abbau mit steigenden Temperaturen einfacher wird.
Hinzu kommt: Grönland hat mit Dänemark ein historisch nicht spannungsfreies Verhältnis. Diese Unzufriedenheit wird durch Trump strategisch genutzt.
Übrigens: Dänemark verkaufte 1917 seine Kolonie „Dänisch-Westindien“ (im Wesentlichen die heutigen Amerikanischen Jungferninseln) für 25 Millionen Dollar in Gold an die Vereinigten Staaten. Zum Gebiet der US Virgin Islands gehören neben den Hauptinseln Saint Thomas, Saint John und Saint Croix auch kleinere Inseln wie Little Saint James. Letzter wurde verkauft und hat heute aufgrund des zwischenzeitlichen Besitzers auch einen Spitznamen: Epstein Island»….
Trump handelt somit durchaus rational strategisch (auch wenn der Epstein-Bezug wohl nicht gelegen kommt). Spieltheoretisch sieht er sich in einer Position der Eskalationsdominanz: gegenüber einer fragmentierten EU mit unterschiedlichen Interessen, militärisch unterlegen und in Teilen abhängig, während aus seiner Sicht erhebliche Gewinne möglich sind.
Umkehrung der Kissinger-Logik als Vorteil
Doch hier setzt die Umkehrung der klassischen Kissinger-Logik an. Das berühmte Diktum von Henry Kissinger – „Wen rufe ich an, wenn ich Europa anrufen will?“ – unterstellt, dass Fragmentierung Schwäche bedeutet. In diesem Fall kann sie das Gegenteil bewirken.
Die EU gilt nach konventioneller Logik als schwach, weil fragmentiert. Trump versucht, diesen vermeintlichen Nachteil auszunutzen, indem er einzelne Staaten bilateral unter Druck setzt. Paradox ist jedoch: Die fragmentierte Struktur aktiviert keine isolierten Zugeständnisse, sondern eine verteilte kollektive Reaktion – politische Solidarität, koordinierte handelspolitische Gegenmassnahmen und sicherheitspolitische Abstimmung.
Fragmentierung kann in defensiven Kontexten Resilienz bedeuten. Sie verhindert, dass ein einzelner Druckpunkt ausreicht, um Europa zur Kapitulation zu zwingen. Die Schwierigkeit, einen einzigen Ansprechpartner zu identifizieren, zwingt den Gegenüber dazu, mit einem vernetzten, verteidigten System zu rechnen.
Oder einfacher gesagt: Ausscheren ist für europäische Länder nicht nur rechtlich, sondern auch politisch hoch kostspielig. Die Frage lautet daher nicht Dänemark oder Trump, sondern EU oder Trump.
Europa mag wenig strategisch wirken, isolierbar sind die einzelnen Länder nicht. Das spricht für die Umsetzung von Gegenmassnahmen.
Wie weiter?
Wenn beide Seiten nicht nachgeben wollen, rücken die Eskalationskosten in den Fokus. Diese sind in den USA wie oben gezeigt zwar geringer, doch es ist Wahljahr. Insgesamt sind TACO und EUCO – ein Deal, ein Kompromiss – das wahrscheinlichste Ergebnis.
Popcorn holen China und Russland. Vorsicht ist hingegen für die Schweiz angebracht. Ein relativer Wettbewerbsvorteil gegenüber der EU wäre nach einem 39 %-Schock zwar Balsam, aber nicht gesichert und mit Kollateralschäden verbunden.
Und die Schweiz?
Europa ist der wichtigste Handelspartner der Schweiz; rund die Hälfte der Exporterlöse wird dort erwirtschaftet. Jede Abschwächung der EU-Konjunktur trifft die Schweizer Exportwirtschaft direkt. Hinzu kommt ein aufwertender Franken, der die preisliche Wettbewerbsfähigkeit schmälert. Diese Effekte überwiegen den Vorteil tieferer US-Zölle.

Unsere Simulation zeigt entsprechend: Das Weltnachfragepotenzial für Schweizer Exporte sinkt im Falle eines Zollkriegs um Grönland um mehr als 3 %. Das belastet das hiesige Wirtschaftswachstum spürbar – weniger stark als in der EU, mit im ersten Jahr rund 0.2 Prozentpunkten aber substanziell.
